"Preiswahnsinn"

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Saarländerin
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"Preiswahnsinn"

Beitrag von Saarländerin » 05.12.2011 15:03

Liebe Freunde und Freundinnen schöner Schreibgeräte,

in einem anderen Thread ist vor etwa einer Stunde das Wörtchen „Preiswahnsinn“ gefallen – ein Begriff in der Schreibgeräte“szene“, der mich schon länger beschäftigt. Angesichts der immer weiter steigenden Preise gerade in unserem Hobby frage ich mich schon einige Zeit, ob und wie lange ich dabei noch „mitspielen“ will. Da von den steigenden Preisen nicht nur die neuen Modelle betroffen sind, sondern auch vielfach die alten „Schätzchen“, geht uns dies wohl alle an – und deshalb frage ich hier: Wie lange seid Ihr noch bereit, immer mehr sauer verdientes Geld für die neuen und auch die „second hand“ – Lieblinge auszugeben?
Sind wir denn diesem Auftrieb alternativlos (= mein Vorschlag für das Unwort des Jahres) ausgeliefert?
Ich sage entschieden „nein“ – denn ich habe für mich die Asiaten entdeckt. Nein, nicht die Fakes bekannter Marken, sondern eigenständige Entwicklungen von erstaunlicher Qualität in interessantem Design für nur wenige Ersatzmark.
Beispiele für FH in meiner Sammlung, mit denen ich nicht nur mehr als zufrieden, sondern auf die ich richtiggehend stolz bin, finden sich hier und hier.
Richtig, es wäre - aus dem Bauch raus - schöner, wenn ich weiterhin bei den Pelikänen, den MBs, den Wassermännern, Parkers und anderen etablierten Hersteller bliebe (die großenteils auch im fernen Osten produzieren lassen :twisted: ). Aber ich mag einfach nicht mehr mitspielen und mir einreden lassen, z.B. der Valor von Sheaffer (willkürlich ausgewähltes Beispiel) sei tatsächlich rund 300 Ersatzmark wert.
Wenn ich schon überwiegend nur noch Stahl- bzw. Gold“nägel“ bekomme bei den neuen Modellen, warum dann Hunderte von Euronen dafür löhnen, zumal ich ähnliche Dartpfeile in oft sehr ansprechendem Design und inzwischen vergleichbarer Qualität auch für einen Bruchteil des Preises haben kann?
fragt Roswitha, die sich auf viele Antworten freut

DiBa

Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von DiBa » 05.12.2011 15:58

Liebe Roswitha,
mein Gefühl sagt mir schon seit Jahren, dass edle Schreibgeräte nicht so viel Wert sind wie das Preisschild suggeriert. (dabei hilft natürlich nicht sonderlich, dass ich weiß, wie eine Kalkulation auch in dieser Branche funktioniert)
Aber wie berechnet sich der Wert eines Luxusgutes?
Würde an jedem Messestand eine Schale Pelikan M 400 zum Mitnehmen liegen, so hätten diese Stifte keinen Wert mehr, da sie keine Luxusgüter mehr sind.
Eigentlich ist doch der Preis eines jeden in diesem Foum besprochenen Stiftes unerheblich: entweder ich kann und will mir den Stift leisten oder nicht. Verhungern werde ich deswegen nicht.
Als problematisch empfinde ich jedoch starke Preisschwankungen, die z.B. vor Jahren regelmäßig OMAS zum halben Listenpreis nach Deutschland brachten. So etwas führt zu einem gefühlten Wertverlust.
Dieses Jahr schaute ich immer wieder interessiert Schreibgeräte an. Da ich jedoch stark gesättigt bin hatte ich nie Lust dazu, eines zu kaufen.

Saarländerin
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Saarländerin » 05.12.2011 16:39

Hi Dirk,

merci vielmals dankeschön für die prompte Antwort :D
Deshalb kriegst Du auch gleich wieder eine Rückantwort auf Deine Frage:
DiBa hat geschrieben:...mein Gefühl sagt mir schon seit Jahren, dass edle Schreibgeräte nicht so viel Wert sind wie das Preisschild suggeriert. (dabei hilft natürlich nicht sonderlich, dass ich weiß, wie eine Kalkulation auch in dieser Branche funktioniert)
Aber wie berechnet sich der Wert eines Luxusgutes?...
Ich erlaube mir inzwischen, nach langen Jahren Freude an schönen Schreibgeräten und vielen Talern, die ich dafür ausgegeben habe, den "Wert" eines Schreibgeräts ganz unabhängig vom Preisschild ganz allein für mich zu definieren.
In einem alten >Scriptum< habe ich gestern gelesen "Sie gehen [im Laden mit großer Auswahl] an einer Reihe von wunderschönen FH vorbei, schauen hier und da - bis Sie auf einmal feststellen: der hier und kein anderer soll es sein" (frei formuliert wiedergegeben).
Abgesehen davon, dass es ein Fachgeschäft mit großer Auswahl in meiner näheren Umgebung nicht (mehr) gibt und dafür das Internet an die Stelle des gut sortierten Fachhandels getreten ist: dieser Erfahrung folgt in zunehmendem Maße die Ernüchterung angesichts des Preisschilds, sprich, die Erkenntnis, dass mir der FH diesen Preis nicht wert ist, wenn er statt revolutionärer neuer Schreibeigenschaften lediglich ein paar Klunker mehr, den hübscher und aufwändiger verzierten Korpus oder noch güldeneren Dartpfeil als Schreibspitze im Vergleich zum Wettbewerb aufweisen kann...
Ok, auch ich erliege durchaus dem Reiz schön gestalteter FH (zumal mit anderen Federn als M, B und manchmal noch F ab Werk überhaupt nicht mehr gerechnet werden darf), aber diese Freude kann ich mir - bei neuen FH - mit den Asiaten wesentlich günstiger und öfter bereiten als mit den etablierten Marken...leider...

Viele Grüße von Roswitha,
die sich auf weitere Antworten, vor allem in Richtung >PRO< für die altehrwürdigen Marken und Modelle freut :D

DiBa

Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von DiBa » 05.12.2011 20:03

Welche Asiaten sprichst Du an? (bzw: welche sprechen Dich an ;) )
Ich sehe das Ganze schmerzfrei: Ein Leben ohne teure Schreibgeräte ist möglich. Und da die Hersteller nicht ganz unschuldig am Niedergang einiger Schreibwarengeschäfte waren sollen sie eben selbst mit ihren Lifestyle-Produkten spielen.

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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Beginner » 05.12.2011 20:26

Guten Abend zusammen,
ich sehe es auch wie Dirk, eher entspannt. Jedoch tendiere ich nach wie vor zu den Klassikern und weil es Klassiker sind, dürfen sie auch mal etwas mehr kosten. Ich beobachte nur den Gebrauchtmarkt bei ebay (ich glaube man darf das inzwischen schreiben ohne sich dafür zu schämen). Diese bieten auch noch etwas mehr Abwechslung bei den Federn. Wenn bestimmte Modelle, die mich interessieren, preislich abheben, höre ich auf sie zu beobachten. Damit ist das Niveau subjektiv nicht mehr kritisch.

Irgendwann bin ich neugierig, suche wieder und oft konnte ich feststellen dass die Preise gesunken sind. Ich habe also den Eindruck, es gibt starke Schwankungen bei den Preisen. Die 146er Meisterstücke gehen mal um die 100-120 weg, kurz darauf geht nix unter 200.

Die Preise steigen, solange die Nachfrage da ist. Ich bin aber noch nicht so weit, mir asiatische Federn ins Haus zu holen. Schon oft habe ich die asiatischen Modelle beobachtet. Ich denke mir, wer sich soviel Mühe mit der Gestaltung der Füller gibt, wird am Ende keinen Schrott produzieren. Mir sind sie jedoch in einigen Details dann doch wieder zu verspielt. Deshalb habe ich noch keinen gekauft. Mal sehen wie lange es noch dabei bleibt.

Grüße Roberto

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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Saarländerin » 05.12.2011 20:31

Hi Dirk (und MitlerserInnen),
DiBa hat geschrieben:Welche Asiaten sprichst Du an? (bzw: welche sprechen Dich an ;) )
Mit den im Startbeitrag verlinkten und bereits auf meinem Schreibtisch befindlichen Exemplaren bin ich schon per >Du< - schaut aus wie der vielversprechende Beginn einer neuen Freundschaft :D
DiBa hat geschrieben: Ich sehe das Ganze schmerzfrei: Ein Leben ohne teure Schreibgeräte ist möglich. Und da die Hersteller nicht ganz unschuldig am Niedergang einiger Schreibwarengeschäfte waren sollen sie eben selbst mit ihren Lifestyle-Produkten spielen.
Stymmt, dem schließe ich mich an, alldieweil es meiner langen Rede kurz und prägnant ausgedrückter Sinn ist - Du bist halt ein Schnellmerker, während ich viele Jahre, viel Lesen und Schreiben im schönen Penexchange (s.a. mein Thread in Sachen Sammlerfrust) und vor allem Taler aufwenden musste, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen :wink:

Asketische Grüße von Roswitha
*die einerseits weiß: 天下烏鴉一般黑。 / 天下乌鸦一般黑
*aber andererseits immer im Hinterkopf hat: 不登高山,不顯平地。 / 不登高山,不显平地
:D
*Google ist auch in Sachen klug und umfassend gebildet erscheinen mein Freund 8)

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Dieter I.
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Dieter I. » 07.12.2011 10:51

Hallo Roswitha,

ich kann dazu nur aus meiner Sicht Stellung nehmen, nämlich der des Nicht-Sammlers und reinen Alltag-Nutzers.

Ich habe für meine Füllhalter nicht viel Geld ausgegeben, denn ich habe mich auf gebrauchte Nachkriegsfedern der Fa. Kaweco spezialisiert.
Meine sieben Kaweco-Sport (Modelle 112, 12G, V16), die ich täglich im Einsatz habe, haben zusammen (!) nicht viel über 100€ gekostet.
Alle haben Goldfedern, die sehr gut schreiben (vielleicht besser als die moderen Federn) und überzeugen mit einer hohen Verarbeitungsqualität, die heute auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Da ich kein Liebhaber von Sammlermodellen bin, bin ich mit meinen gebrauchten Füllern sehr zufrieden und vermisse nichts.

Andererseits mißfällt mir die Markenpolitik der Luxusmarkenanbieter (insbesondere der Firma aus Hamburg), deren Werbeaussagen mich schon lange nicht mehr ansprechen - ich habe sogar das Gefühl, dass die mich als "Normalbürger" nicht mehr im Kunden-Focus haben.

Um auf Deine Ausgangsfrage zurückzukommen: nein, ich würde den Preiswahnsinn nicht mitmachen, nicht nur, weil ich es finanziell nicht könnte, sondern auch, weil es gute Alternativen gibt.

Viele Grüße (auch) aus dem Saarland
Dieter

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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von kaktus » 07.12.2011 22:41

Hallo zusammen,
ich bin über das Thema gestolpert, als ich den neuen Preis für einen schlichten kleinen M150 gesehen habe.
79 Euro. Hallo? Vorsichtig ausgedrückt, würde ich von Wucher sprechen, gemessen an der gebotenen Gegenleistung.
Asiatische Federn oder Käufe gebrauchter Füller mögen dem kundigen Hobbykollegen weiterhelfen. Finde ich persönlich völlig ok.
Aber was ist mit Ottonormalfüllerkäufer? DER soll die Stückzahlen bringen und sucht nicht im Netz nach Schnäppchen.
Wenn da mal nicht teilweise am Kunden vorbeikalkuliert wird.
Mit Bedenken,
Andi

Thomas Baier
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Thomas Baier » 07.12.2011 22:58

Hallo Roswitha,
hallo miteinander,

die Preisgestaltung seit 1988 (Beginn meines Interesses am hochwertigen Füllhalter) von Neuware, die Preise von alten Füllern seit der Teuro-Einführung haben sich erheblich nach oben gewegt. Ja, das hatte auch Auswirkungen auf mein Kaufverhalten.

Sammler im engeren Sinne war und bin ich nie. Manche Halter sind mir zu schade und ich sezte sie letztlich kaum oder nie ein. Nur ankucken und weglegen, das liegt mir nicht. Für mich sind bestimmte Modelle interessant, im Anfassen, Schreiben, der Optik. Teilweise ist da auch ein Interesse an historisch interessanten oder technisch besonderen Modellen.

Mir fehlt der frühere unverbindliche Versandhandel schon, Auktionen oder Bildkäufe, das ist nicht immer das Richtige, auch wenn bisweilen da noch fair kalkuliert wird. Und die ebay-Schnäppchen von vor einigen Jahren sind auch wesentlich seltener und manches unkalkulierbar.

Während ich bei alten Modellen weniger einkaufe als früher, weil mir das Probieren fehlt, werde ich das zukünftig eher über Pen-Shows realisieren können.

Bei Neuware setze ich eher auf den seriösen Internethandel. Damit sind gewisse Preissteigerungen abzufangen. Dabei verlasse ich mich bei Alltagsschreibgeräten eher auf bestimmte Marken, die mir einen sehr guten Service bieten und bei verbogenen Federn, etc. oder auch technischen Defekten unproblematisch und schnell helfen. Da wird der Einkaufspreis dann schnell zu einem relativen Argument.

Nicht von ungefähr benutze ich mehr als früher moderne, nicht zu teure Halter im Alltag, die sich bewähren und nicht so schwer zu ersetzen sind.

Andererseits bin ich immer wieder überrascht, wie viel besser alte Halter schreiben. Schade in dem Zusammenhang, daß die höheren Preise dafür sorgen, daß manche Interessierte sich nicht mehr an diese Klassiker hintrauen, zumal sie sie außerhalb von Pen-Shows nicht so einfach unverbindlich ausprobieren können.

Wie die einzelnen Hersteller kalkulieren zwischen preiswerter Bodenständigkeit und Wohlstandsgehabe, das kann ich nicht sagen. Der seriöse Füllhalter, unabhängig von seinem Preis, kann nur mittel- bis langfristig erfolgreich sein, wenn sich die Hersteller eine gute Strategie überlegen. Und da eiern viele Firmen für meinen Geschmack herum zwischen Schule und Snobbismus. Montblanc ist sicherlich für die Betrachtung bei allen Erfolgen kein gutes Beispiel für unsere Überzeugung. Unter Hintanstellung der wichtigen Faktoren (Schreibverhalten, Federschliff, etc.) hat man sich diesen bekannten "Liftstyle Touch" gegeben. Und da kann die Ware wohl nicht teuer genug sein. Aber das ist wieder ein anderes Thema, das ich nur anreißen wollte.

Asiatische preiswerte Produkte z. B. aus China haben mich bisher nicht überzeugen können. Einen guten Füller zu machen, ist ja für manchen hiesigen Hersteller gar nicht so leicht. In der Gestaltung sind diese Produkte zudem nach meinem Auge nicht so überzeugend. Aber das kann ja noch werden. Hersteller wie TWSBI aus Taiwan z. B. sind schon recht interessant geworden.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß gerade auch die kreativen italienischen Hersteller viel bieten können, auch wenn da viele Bock-Federn im Spiel sind.

Gerade für den Einsteiger wird es natürlich schwerer, sich zu positionieren, wenn er hört, daß z. B. ein Lamy Studio für 30-40 Euro eigentlich ein wohlfeiles Angebot ist. Man möge sich erinneren, das sind 70 bis 80 DM!

Viele Grüße
Thomas

P. S.: Lieber weniger, aber besser und überlegter einkaufen, wenn auch bei unserem Hobby nicht so leicht.

Saarländerin
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Saarländerin » 08.12.2011 1:16

Vielen Dank für das Interesse an dem Thema.
Was mich den Asiaten nah und näher bringt, ist nicht allein die enorme Preissteigerung bei den bekannten Herstellern, die (in meinen Augen) mit keiner wesentlichen Verbesserung des Objekts der Begierde verbunden ist.
In fast allen Bereichen, ob nun Auto, Elektronik....wird mir für mehr Geld auch mehr geboten - ob dieser Mehrwert nun tatsächlich mehr wert ist oder nicht, es ist (mit viel gutem Willen :wink: ) einsehbar, dass die bisher nicht vorhandene Funktion X für den Herstellungsprozess mehr Arbeit/Zeit/Geld bedeutet.
Bei den etablierten Füllfederhalterherstellern läuft es allerdings umgekehrt: Wo ich früher selbstverständlich die Auswahl unter verschiedenen Federn voraussetzen konnte, wird heute überwiegend nur noch >M< angeboten. Wenn überhaupt eine andere Feder möglich ist, dann nur mit Hin- und Herschicken, Warten, Ärgern darüber, dass die ausgetauschte Feder doch wieder nicht das ist, was man wollte....für diese Herstellerspäßchen sind mir meine sauer verdienten Ersatzmark inzwischen zu schade :?
Wenn ich- wie im Startbeitrag bereits geschrieben - auch für 500 Euronen (oder mehr) sowieso lediglich mit einem güldenen oder sonstwie superedlen Dartpfeil als Schreibspitze rechnen darf, bei Problemen bei einigen Herstellern als Bittsteller antreten und granteligen teuren Service einkalkulieren muss...dann bin ich mit den Asiaten, die inzwischen sehr oft nicht nur ein verblüffend erfrischendes Design besitzen, sondern auch erstaunlich solide und zuverlässig funktionieren, für 25 Euro einfach besser dran.
Warum sehen wir es als selbstverständlich an, sämtliche Elektronik für Haushalt, Hobby, Beruf aus Fernost zu beziehen und zu nutzen, wehren uns aber im Hobbybereich dagegen?
Tradition?
Ja, ich fühl mich selbst auch nicht so richtig gut dabei, in China zu kaufen statt deutsche/europäische/amerikanische Erzeugnisse, aber da die "alten Schätzchen" den gleichen enormen Preisauftrieb zeigen wie die neuen Modelle und man(n)/frau als begeisterter Schreiberling mit begrenztem Budget für's Hobby eben ab und an ein neues Exemplar auf dem Papier spazierenführen will, sind die Asiaten zunehmend eine echte Alternative...
Die (in meinen Augen) beste und zuverlässigste Kamera, die ich bisher hatte, ist meine Nikon D90...aus Thailand...Ihre analogen Vorgängerinnen stammen aus...Japan. Eine Leica konnte ich mir früher nicht leisten...und heute will ich es nicht...
Thomas hat Alternativen aufgezeigt, dankeschön dafür.
Aber das Grundproblem, dass ich für immer mehr Geld immer weniger geboten bekomme (Werbesprüche, aufgepappte Klunker ...statt vernünftiger Federwahl mitsamt problemlos funktionierendem Tintenleiter) bleibt...oder irre ich mich?
Auf Argumente PRO etablierte Hersteller freut sich weiterhin
Roswitha

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audace
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von audace » 08.12.2011 6:40

Hallo zusammen!

Ich finde das Thema auch sehr interessant, habe aber leider gerade nicht die Zeit dafür, alle mir einfallenden Gedanken zu sortieren und so umfangreich darzustellen, wie ihr das hier schafft.
Warum sehen wir es als selbstverständlich an, sämtliche Elektronik für Haushalt, Hobby, Beruf aus Fernost zu beziehen und zu nutzen, wehren uns aber im Hobbybereich dagegen?
Tradition?

Ich glaube, dass das eine wesentliche Aussage ist. Ich zumindest hänge diesen (Füllhalter-)Dingen nach, weil sie aus unserer heutigen Welt zunehmend verschwinden, da sie eher als antiquierte, alte Welt bezeichnet werden. In der Elektronik-Welt ist das genau anders und aus den asiatischen Bereichen kommen (trotz Nachahmung hier und da) auch viele Innovationen, Fortschritt, incl. ansprechendem Design - und das alles zu sehr akzeptablen Preisen. Über diese Entwicklung sind viele traditionelle Hersteller in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt gestolpert, hingefallen und letztendlich verschwunden. Beispielhaft erinnere ich mich deshalb gerne an die Geschichte meiner Eltern, die in den 80iger-Jahren eine neue HiFi-Anlage kaufen wollten und es sollte eine bestimmte Reihe einer (japanischen) Marke sein. Zu der Zeit gab es wohl auch schon größere Elektronikcenter ähnlich heute, aber da war das nicht verfügbar, weil etwas "exclusiv oder insidermäßig", was den Hersteller zu der Zeit anging - und so kam man noch in einen eher "traditionellen Handel" mit TV & Co., wo man sogar noch im Anzug bedient wurde! Auf die spezielle Nachfrage kam die Antwort, dass man nur traditionelle (deutsche) Hersteller vertreibe, Telefunken, Blaupunkt, und wen es sonst noch gibt (gab). Meine Eltern, gut informiert, nahmen ein solches Teil aus der Ausstellung und landeten einen Treffer mit dem Verweis auf einen kleinen Hinweis auf der Rückseite: "Made in Taiwan".
Wegen dieser Entwicklung habe ich diese Geschichte nur zu gut in Erinnerung.

Und bei den Füllhaltern ist das halt anders, glaube ich. Sie halten an Altem fest - eben wegen der gerade technischen Entwicklung. Ich schreibe neuerdings auf einem iPad2 :shock: , wenn ich denn will (aber recht ungern tue) - das ist der Trend, und was bleibt denen über, die eine "Alte Welt" vermarkten wollen? In erster Linie glaube ich da an "Exclusivität", denn gute, oft gar bessere Federn, gab es (auch) schon früher. Also braucht man was anderes, nämlich Drumherum, aufwendige, edle, teuere Halter, mit Gold oder anderem Schnickschnack. Einen Massenmarkt für die "Mittelwelt zwischen Schule und dem Modell für 150+ EURO" gibt es heute nicht mehr, glaube ich, und das entfremdet. So entstehen Lücken, die immer größer werden. Vielleicht erkennt man das in Asien und macht - für wenig Aufwand - damit zunehmend auch einen temporären oder eben sich zunehmend etablierenden Absatz ... bei uns, im alten Europa!

Wenn ich hier immer sehe, was ihr so habt, sammelt, da wird man schon mal glänzende Augen kriegend "neidisch" - in Bezug auf den Adventskalender habe ich das schon in dem "Notizen"-Thread gesagt.

Für einen Neuerwerb so "zwischendurch" reicht es bei mir nicht für so hochpreisige Dinger, sondern eher mal für einen Lamy Safari weiss, so wie gestern, als passende Ergänzung zum Pinken.
Und trotzdfem "beobachte" ich Vieles hier, sehr interessiert sogar, um zu sehen, was gibt (gab) und um mir eine Vorstellung davon machen zu können, wie ich mich verhalten werde, wenn ich mal richtig Geld verdiene ...

Jetzt habe ich doch 'ne ganze Menge geschrieben, aber hoffentlich nicht gelangweilt.

Das Türchen aus dem Adventskelender lässt sich leider immer noch nicht öffnen ... - schade, trotzdem muss ich aber jetzt aber los,

beste Wünsche für den Tag!

Schöne Grüße, Audace

Il n'est jamais plus tard que minuit!

Rafael
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Rafael » 08.12.2011 10:05

Das ist schon ein Problem mit dem ,,Gegenwert" den man gerade bei hochpreisigen Schreibgeräten bekommt. Klar, eine Sache ist immer den Preis wert den man bereit ist dafür zu Zahlen. Gestern habe ich mir den MB ,,Carlo Collodi" gegönnt. Er ist jetzt der hochpreisigste Füller den ich habe. Geholt habe ich ihn mir weil er mir von der Optik her sehr gut gefiel und ich mit Pinocchio auch schöne Kindheitserinnerungen verbinde. Ob er seinen Wert halten wird ? Wohl eher nicht. Ich gehe davon aus das es irgendwann einen Crash geben wird wie bei der Umstellung analoge auf digitale Fotografie. Damals hatte ich mir eine M-Leica mit 5 Objektiven als Gebrauchsstück und Wertanlage geholt. Gestern habe ich das Gehäuse mit Standardobjektiv ( damals über 7000 DM ) für 450,- € bei einem Fotohändler in Zahlung gegeben. Die anderen Objektive abzugeben habe ich angesichts des Angebotes des gleichen Händlers der mir damals gesagt hat: ,, Da haben Sie einen guten Kauf gemacht. Damit können Sie 20 Jahre Fotospaß haben und bekommen bei den steigenden Preisen dann das Doppelte dafür." erstmal wieder mitgenommen. In 20 Jahren wird wahrscheinlich nur noch gemailt und die Weihnachtskarten werden direkt an digitale Bilderrahmen gesendet werden. Wer schreibt dann noch ? Ich muß mir jetzt schon immer auf der Arbeit anhören: ,,Wer schreibt denn heutzuage noch mit Füller ?". TROTZDEM war mir der Collodi die Anschaffung wert, weil ich lange Freude an ihm haben werde. Soll nicht heißen das ich nicht auch Freude an einem gut gemachten und optisch ansprechendem 20,- Füller wie dem Online Black Beauty ( zu dem Preis sogar im Set mit Kugelschreiber ! ) haben kann.
Rafael

ps: Achja, das wollte ich noch dazu sagen: Bin gestern extra nach Düsseldorf zu MB gefahren um mir den Collodi da zu holen. Da ich mir in der ,,Boutique" immer gerne die anderen Sachen anschaue sagte ich wie gewohnt dem Personal das ich mich erstmal umschauen werde. Diesmal klebte eine Verkäuferin wie eine Klette hinter mir und beobachtete jeden Schritt von mir. Ich fand das so penetrant das ich ein Pöttchen Tinte kaufte und den Füllfederhalter 100m weiter bei Kaufhof holte.

DiBa

Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von DiBa » 08.12.2011 11:41

Rafael,
ich hoffe, Du schickst mir vor dem nächsten Leica-Verkauf eine pN, auch wenn ich jede M als hoffnungslos übertechnisiert empfinde ;)

Bezüglich Füllern haben wir meiner Ansicht nach ein leichtes Luxusproblem, daher fällt mir das Jammern schwer!
Nichts gegen asiatische Füller, aber die richtig guten japanischen sind mir leider zu teuer. Und die chinesischen Billigstifte einschließlich des Olympiade-Sondermodells, die ich bisher in Händen hatte, sind nicht gerade hochwertig gemacht.
Selbst bei jämmerlichen Löhnen scheinen die Chinesen auch nur mit Wasser zu kochen.
Was ist denn an einem Lamy, Pelikan M400, Aurora 88 etc. so schlimm? Sicherlich kann ich einige Schwachstellen der Stifte aufzählen. In der Regel halten die Dinger aber ein halbes Leben lang. Und Service gibt es auch. Müssen wir wirklich entsetzt sein, dass uns der monatliche Neukauf eines 100-500 Euro Füllers etwas schwerer fällt und wir daher nur noch quartalsweise ins Geschäft gehen?
Ist es "alternativlos", dass unsere Füller nur noch die Hälfte kosten dürfen, damit die Hersteller die Hälfte ihrer Belegschaft entlassen und wir durch geschickte Anlage des ersparten Geldes die Staatsverschuldung in die Höhe treiben?

Aber wir Deutschen stöhnen ja auch über die horrenden Lebensmittelpreise!

Polemische Grüße
Dirk

Blaufinger
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Blaufinger » 15.01.2012 15:43

Hallo,

Roswithas Eingangsbeitrag mit den Links zu chinesischen Füllern hat mich neugierig auf diese Produkte gemacht.
Ich habe es dann mal gewagt und diesen Füller gekauft.
Nach ca. zwei Wochen kam er auch tatsächlich bei mir an.

Die Verpackung wirkte schon mal vielversprechend. Der Füller noch viel mehr.
Das Griffstück, der Schaft und auch die Kappe machen einen sehr guten und hochwertigen Eindruck. Die Gewindeteile sind aus Messing und sehr sauber gearbeitet. Der schwarze Kunststoff schimmert auch leicht rot transparent, wenn er mit starkem Licht bestrahlt wird. Es könnte also das gleiche Material (Resin) sein, wie bei deutschen Füllern auch.

Als ich den Füller jedoch mit Tinte füllen wollte, ging gar nichts. Der Konverter scheint ein "Dummy" zu sein. Der Kolben bewegt sich jedenfalls keinen Millimeter. Ein normaler Konverter von Pelikan passt zum Glück aber auch in den Füller und so war das kein Problem.

Nach dem Füllen war ich sehr gespannt, wie die Feder schreiben würde. Nun, sie ist zu gebrauchen, macht aber nicht wirklich Freude. Sie schreibt mit unregelmäßiger Strichstärke aber nicht mit Variation wie man es von einer Oblique-Feder kennt.
Nachdem ich kurzerhand die Feder und den Tintenleiter aus dem Griffstück gezogen hatte wurde mir klar, woran das liegen könnte. Feder und Tintenleiter sitzen recht locker im Griffstück, wodurch der Tintenfluss sicher nicht optimal ist.
Die Form der Feder hat mich spontan an die Feder des 144 von MB erinnert. Ich habe diese Feder mal aus einem zerstörten 144 gerettet. Beim Vergleich der beiden Federn konnte ich in Form und Größe keinen Unterschied feststellen. Also habe ich die MB-Feder kurzerhand in den China-Füller eingebaut und mit etwas Teflonband aus dem Installationsbedarf für einen besseren Sitz von Feder und Tintenleiter im Griffstück gesorgt.

Der Füller schreibt nun, nach diesen Umbaumaßnahmen, unglaublich gut und macht richtig Freude.

Ohne die erfolgten Umbauten wäre der Füller für mich aber nicht nutzbar gewesen. Deshalb werde ich vorerst auch keinen weiteren Füller aus China kaufen. Besonders die Feder entspricht nicht dem, was ich mir bei einem guten Füller wünsche.

Insgesamt zeigt mir aber die Qualität des China-Füllers, dass man auch für weniger als ein Zehntel des Preises eines Pelikan oder Montblanc einen tollen Füller bekommen kann.

Viele Grüße
Thomas

Saarländerin
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Re: "Preiswahnsinn"

Beitrag von Saarländerin » 15.01.2012 16:36

Vielen Dank für den sehr interessanten Bericht, Thomas.
Es scheint sich bei Deinem Exemplar um eine relativ deutliche "Annäherung" an den >Bohème< zu handeln 8)
Ich hab inzwischen mehrere "Chinesen" und freue mich, dass Du meine Ansicht in Sachen Verarbeitungsqualität bestätigst. Die abwertende Beurteilung aus früheren Zeiten scheint mir angesichts der z. Zt. angebotenen Modelle ein Vorurteil zu sein - davon kann man sich mit relativ wenig Geld selbst überzeugen.
Mit den Federn (und beigefügten Konvertern) hatte ich bisher mehr Glück. Es sind zwar (teilweise sehr ansprechende, goldplattierte) Stahlnägel, aber ich hatte nichts anderes erwartet. Zudem brachte ein wenig Gewaltanwendung, die bei diesen Preisen durchaus riskiert werden kann (zartes Führen über feines Schleifpapier, einige Male etwa mehr Druck als allgemein für zulässig erachtet wird auf die Federschenkel u.ä.) zumindest bei meinen Exemplaren zwar unflexible, aber butterweich über das Papier zu führende, drucklos schreibende Federn hervor :D
Und wenn man sich das Angebot des wohl führenden Anbieters anschaut sind sie (in meinen Augen) einfach schön :D
(Nein, ich bekomme keine Provision!)
Der Service ist erstklassig, wenn man (in englisch) Mailkontakt mit dem Vertriebsleiter hält (Antwort mitsamt erstaunlich kundiger Beratung erfolgt umgehend). Als ich mal ein wenig länger als 2 Wochen warten musste (über Weihnachten/Neujahr) bot man mir sofortige Gutschrift auf dem Paypal-Konto an, auch wenn die Ware noch eintrifft - sie kam einen Tag nach dem Mailkontakt.
Auf jeden Fall ist deutlich erkennbar, dass sehr große Bemühungen um den einzelnen, kleinen Kunden bei zwischenzeitlich guter bis sehr Qualität (und Haltbarkeit/Belastbarkeit) und erfrischend neuem Design den etablierten Herstellern deutliche Probleme bereiten werden, sobald sich dies rumspricht...

此致问候.(ci zhi wen hou)
Roswitha

Nachtrag: wer es eher maskulin/martialisch mag, für den ist dieser Brummer ungeachtet des ein wenig verspielt klingenden Namens ein hervorragender, unverwüstlicher, satt und gewichtig in der Hand liegender "Dauerschreiber" :D

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