Sheen

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Sabine
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Sheen

Beitrag von Sabine » 29.06.2016 21:01

Bei einigen Tintenbesprechungen erscheint der Begriff Sheen - durch die mitgelieferten Fotos auch nachvollziehbar. Kann jemand (z.B.) mir erklären, wie es zu diesem Phänomen kommt? etwa bei der Lamy dark lilac, in dem Tintenbericht von Angi alias Killerturnschuh, ist der goldene Sheen sehr gut zu erkennen. Der hat aber überhaupt nichts mit den Goldsprenkeln in den Shimmering Inks oder den Herbin 1670 zu tun, denn die setzen sich ja in Patronen oder Gläsern auch sichtbar ab. Eine Bedingung für das Auftreten des Sheens ist offenbar, daß die Tinte dick genug aufs Papier gebracht wird, eine andere, daß das Papier eine glatte, möglichst nicht saugfähige Oberfläche hat. Könnte fast jede Tinte unter diesen Bedingungen einen Sheen entwickeln? oder was wären die Voraussetzungen?
Vielen Dank schonmal für Eure Antworten!
herzliche Grüße
Sabine

Illoran
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Re: Sheen

Beitrag von Illoran » 29.06.2016 21:18

Moin,

ist nur eine Vermutung, aber ich war in meinen Überlegungen bisher so weit zu behaupten, dass Sheen dann auftritt wenn der Farbstoff kristallisiert und entsprechend eine reflektive Oberfläche bildet. Der Prozess hat zwei Komponenten. Zum einen ist die Frage wie viel Tinte ist auf dem Papier und wie Resistent ist es gegenüber der Tinte. Wenn die Tinte dick aufgetragen wird und lange Zeit zum trocknen bekommt begünstigt das Sheen. Zum anderen stellt sich die Frage nach den chemischen Eigenschaften der für die Tinte verwendeten Farbstoffe. Blaue und violette Farbstoffe scheinen eher zu Sheen zu neigen als zum Beispiel grüne oder schwarze Tinten. Das deckt sich etwa mit dem was ich im Labor so beobachtet habe, mein Kristallviolett hat schöne bronzene bis goldene Kristallite gebildet während Malachitgrün eher ein stumpfer grüner Feststoff war. Viel mehr Erfahrungen habe ich da leider nicht.

Zusammenfassend: Viele Tinten können Sheen zeigen, aber nicht alle. Im Zweifel einfach mal nen schönen Tropfen auf glattes Clairfontaine Papier machen und in Ruhe trocknen lassen. Wenn man dann nichts sieht wird die Tinte keinen Sheen haben. Hier noch ein paar Tinten die ich so getestet habe:

Deutlicher Sheen: Pilot Iroshizuku - Yama Budo, Diamine - Sargasso Sea, Akkerman - Simplisties Violet
Mäßiger Sheen: Pilot Iroshizuku - Kosu Mosu, Edelstein - Topaz, Pilot Iroshizuku - Kon Peki
Kein Sheen: Pelikan 4001 - Grün, Montblanc - Irish Green, Lamy - Green, Diamine - Teal, Waterman - Mysterious Blue

mfg Illo

DanielH
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Re: Sheen

Beitrag von DanielH » 29.06.2016 22:08

Ich schließe mich in den Vermutungen meinem Chemikerkollegen an... Man beobachtet bei vielen Farbstoffen, dass sie in Pulverform andere Farben haben als in Lösung. Und ich gehe davon aus (ohne es zu wissen), dass viele unserer geliebten Tinten schlussendlich Mischungen aus wenigen Farbstoffen sind, die Kriterien wie Ungiftigkeit, günstigen Preis etc. verbinden. Entscheidend dürfte in vielen Fällen die genaue Komposition an Farbstoffen sein. Mir fällt zum Beispiel in vielen roten und orangenen Tinten Fluorescein als Farbstoff auf. In konzentrierter Lösung ist das einfach orange, beim Verdünnen (Füller spülen) zeigt es hellgrüne Fluoreszenz.

Aber zum Thema: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Sheen im Gegensatz zu Shading nur sehr wenig abgewinnen kann. Als Linkshänder wecken "Farbstoffüberreste" auf dem Papier, die nicht eingezogen sind, immer den Verschmieralarm. Deswegen die Frage: Bedeutet die Existenz von Sheen nicht, dass die Stellen automatisch sehr schnell auch nach dem Trocknen noch verschmieren?

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Re: Sheen

Beitrag von Killerturnschuh » 29.06.2016 22:27

Da kann ich dich beruhigen, Daniel.
Die Tinte trocknet ganz normal, so dass auch wir Linkshänder sie problemlos nutzen können.
Ich möchte auch dass mit dem "satten" Farbauftrag ein wenig relativieren. Klar, eine nasseren Feder fördert da sicher mehr zu Tage als ein eher trocken schreibenden Füller.
Übrigens auch die Fuyu-syogu hat einen ganz zarten Sheen, was ihr aber sehr gut zu Gesicht steht.
Salve

Angi

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(Sir Arthur Conan Doyle)

Illoran
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Re: Sheen

Beitrag von Illoran » 29.06.2016 22:27

DanielH hat geschrieben:Aber zum Thema: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Sheen im Gegensatz zu Shading nur sehr wenig abgewinnen kann. Als Linkshänder wecken "Farbstoffüberreste" auf dem Papier, die nicht eingezogen sind, immer den Verschmieralarm. Deswegen die Frage: Bedeutet die Existenz von Sheen nicht, dass die Stellen automatisch sehr schnell auch nach dem Trocknen noch verschmieren?
Bei glattem Papier vermutlich ja, bei Kopierpaper das Tinte schnell aufsaugt und trocknet beobachte ich eher das die Tinte an den Stellen wo sie sie Sheen zeigen würde einfach nur unschön wird. Besonders fällt mir das mit nassen Federn auf Kopierpapier mit Pelikan - Amethyst auf. Die sieht an den Stellen wo das Pooling auftritt einfach nur bräunlich aus, was im Kontrast zu dem Lila an weniger gesättigten Stellen kein schönes Bild abgibt.

mfg Illo

Thom

Re: Sheen

Beitrag von Thom » 29.06.2016 23:00

Na, hier hatten wir doch mal die reflektierenden Kristalle. Früher war das einfach ein Zeichen für zu hohe Farbstoffkonzentration
( hat wiedermal einer die Tinte vergeigt :) ).
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Thomas

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Re: Sheen

Beitrag von vanni52 » 29.06.2016 23:08

Bisher ist der Aspekt der chromatischen Trennung der Farbstoffgemengen noch nicht berücksichtigt, wobei der für den Sheening-Effekt verantwortliche Farbstoff von den anderen Gemengebestandteilen räumlich getrennt wird und in entsprechend konzentrierterer Form vorliegt.
LG
Heinrich

Thom

Re: Sheen

Beitrag von Thom » 30.06.2016 0:14

Vanni kennt sich aus, das muß man schon sagen. Es gab eine sehr spezielle Tintensorte, die rote "Metalltinte".
Die könnte diesen Sheen schon damals verwendet haben. Diese namentlichen Metalltinten sind praktisch verschwunden,
ich glaube aber, nur noch für 'ne Stunde.

V.G.
Thomas

Thom

Re: Sheen

Beitrag von Thom » 30.06.2016 6:40

.
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Sabine
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Re: Sheen

Beitrag von Sabine » 30.06.2016 10:36

Lieber Thomas,
das sieht ja genial aus! die Erklärungen finde ich sehr interessant, vielen Dank Euch allen! ich nehme an, als Tintenproduzent weiß man, welche Farbstoffe sich etwas absondern und dann höher konzentriert an den Rändern als schimmernd übrigbleiben?
Herzliche Grüße!
Sabine

Thom

Re: Sheen

Beitrag von Thom » 30.06.2016 21:19

Hallo Sabine,

das ist ja jetzt gewissermaßen eine historische Tinte. :) Aber heutige Tinten mit dieser Sheentendenz hätten diesen Spitznamen "Metalltinte" genauso verdient. Mit den Farbstoffkenntnissen war das wie der Tischler mit den Holzarten, aber die toxikologischen Eigenschaften einzelner Farbstoffe lagen vor 100 Jahren noch etwas im Verborgenen. Ich habe das mit dem "Metall" etwas übertrieben, schätze in den Schriftzügen war kein Sheen, maximal ein hauchdünner Rand um die Buchstaben und einzelne Stellen wie beim "e" in "Metall". Aber die Tinten hatten welchen.

Viele Grüße
Thomas

46215 (inaktiv)

Re: Sheen

Beitrag von 46215 (inaktiv) » 01.07.2016 4:40

Ich kann Sheening überhaupt nichts abgewinnen, leider scheint das eine Mode zu sein. Soweit ich weiß kommt er dadurch zustande, dass sich bestimmte Teilchen abtrennen und dann an bestimmten Stellen sammeln.

Interessant wäre, ob man das irgendwie verhindern kann, das bezweifle ich aber.

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vanni52
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Re: Sheen

Beitrag von vanni52 » 01.07.2016 8:20

Doch, man kann es verhindern. Man nehme Tintentabletten (wie z.B. die von Parker) und lasse das Wasser weg!
LG
Heinrich

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Re: Sheen

Beitrag von Killerturnschuh » 01.07.2016 21:16

Oder du nimmst eben saugfähigeres Papier, dann siehst du absolut keinen Sheen. Mit einer Mode hat das auch wenig zu tun. Sheen ist nicht mit Shimmering zu verwechseln.
Salve

Angi

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Thom

Re: Sheen

Beitrag von Thom » 01.07.2016 22:43

Oder Du nimmst eine Tinte ohne Sheen, ist ja nicht so, dass es nicht genug gäbe.
(ich muß bei dem Thema sowieso immer an Charlie Sheen denken :) )

V.G.
Thomas

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