Der mit dem unrecherchierbaren Namen
Woher der Standard Kurz, oder wohl eher Kurz Standard stammt, ist schwer zu sagen. Die Namenskombination ist denkbar schlecht geeignet, sinnvolle Suchergebnisse zu zeitigen. Halten wir uns also an das, was sichtbar und handgreiflich ist: Ein solider Mittelklasse-Füller mit Schraubkappe, Blindkappe, eingeschraubter Kolbenmechanik, gestecktem Tintenleiter aus Ebonit und (ehemals) vergoldeter Degussa – Edelstahlfeder. Ich fand ihn, wie so viele andere Kollegen, in einer Grabbelkiste auf dem Flohmarkt. Der bemitleidenswerte Zustand der Feder hatte einen ebenso bemitleidswerten Verkaufspreis zur Folge. Dass ich den Halter überhaupt kaufte, lag daran, dass ich kurz zuvor an einem privaten Füllhalterworkshop teilgenommen hatte, wo mir die letzte Scheu vor beherzter Federbearbeitung genommen worden war.
Auch ansonsten war der Zustand stark benutzt, mit gerissener Blindkappe, festgegammelter Mechanik und insgesamt etwas abgelebtem Zustand. Aber das sind ja alles nur Oberflächlichkeiten, durch die der allmählich geschulte Bastlerblick hindurchdringt.
Es bedurfte eines dreitägigen Bades, bevor sich der Kolben dazu überreden ließ, sich wieder ein bisschen zu bewegen. In des Füllers vorigen Leben muss jede Menge grüner Tinte im Spiel gewesen sein. Ich stellte erfreut fest, dass die aus Ebonit gefertigten Spitzen von Kappe und Finial in Wirklichkeit Schrauben sind, die sich mit ordentlich Gegendruck abschrauben ließen.
Der Rest war Routine, bis auf die intensive Beschäftigung mit der Feder. Viel kaputtmachen konnte man da ja nicht mehr. Doch tatsächlich ließ sie sich wieder in Form bringen, und der abschließende Schreibtest ergab ein höchst erfreuliches, weiches, ansatzweise flexendes Schreibgefühl. Ohne die alberne Vergoldung kann die Feder jetzt wieder durch innere Werte überzeugen.
Beim Zerlegen zeigte sich, dass die Kolbenmechanik erstaunlich stabil gebaut ist und über eine immer noch elastische und dicht anliegende Gummidichtung verfügt. Alle Teile erhielten eine Politur. Der Zusammenbau war ein Vergnügen. Das Ergebnis ist ein zurückhaltender, aber charaktervoll gestalteter Vintage – Schreiber. Die leicht expressionistische Ausformung von Kappenkopf und Finial lässt zwar formal die frühen Zwanzigerjahre anklingen, aber ich tippe aufgrund des Materials und der gesamten Beschaffenheit des Füllers eher auf die späten Vierzigerjahre.
Es gibt sogar ein Tintenfenster, aber das ist quasi tabakbraun und offenbart, wenn man es durchleuchtet, ein erstaunliches Spiel aus mikadoartigen Strichen.
Kurz Standard
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Re: Kurz Standard
Hier die japanische Laterne, vulgo Tintenfenster:
- Edelweissine
- Beiträge: 2850
- Registriert: 08.01.2016 18:32
Re: Kurz Standard
Toll bebilderter und schön erklärter Beitrag!
Jetzt würde ich den Füller auch gern kaufen, selbst die Feder sieht vertrauenswürdig aus.
Jetzt würde ich den Füller auch gern kaufen, selbst die Feder sieht vertrauenswürdig aus.
Gruß,
Heike
Heike
Re: Kurz Standard
Einen Standard hatte ich auch schon einmal:

Meiner hatte auch eine Degussa Feder.
...und der Klipp ist generisch. Solche habe ich schon an unterschiedlichen Füllern gesehen. Zum Beispiel hier an einem Matterhorn:

jemand meinte, dass der Matterhorn womöglich aus Niederländischer Produktion stammen könnte. Darüber weiss ich leider nichts. Die Feder trägt jedoch das Wappen des schweizerischen Generalimporteurs für Montblanc (in den 20'er Jahren), Walter Kessel.
...und zudem hat er eigentlich grosse Ähnlichkeit mit deinem Standard...
Auch diese Monte Rosa trugen einen solchen Klipp:


Meiner hatte auch eine Degussa Feder.
...und der Klipp ist generisch. Solche habe ich schon an unterschiedlichen Füllern gesehen. Zum Beispiel hier an einem Matterhorn:

jemand meinte, dass der Matterhorn womöglich aus Niederländischer Produktion stammen könnte. Darüber weiss ich leider nichts. Die Feder trägt jedoch das Wappen des schweizerischen Generalimporteurs für Montblanc (in den 20'er Jahren), Walter Kessel.
...und zudem hat er eigentlich grosse Ähnlichkeit mit deinem Standard...
Auch diese Monte Rosa trugen einen solchen Klipp:

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- Strombomboli
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Re: Kurz Standard
Der helle Wahnsinn! Ich bin begeistert.
Iris
Mein Avatar ist ein Gemälde von Ilja Maschkow (1881-1944): Selbstporträt; 1911, das in der neuen Tretjakow-Galerie (am Krimskij Wal) in Moskau hängt, wo ich es fotografiert habe.
Mein Avatar ist ein Gemälde von Ilja Maschkow (1881-1944): Selbstporträt; 1911, das in der neuen Tretjakow-Galerie (am Krimskij Wal) in Moskau hängt, wo ich es fotografiert habe.
