Nur Mut! Teil 1 und 2

Moderatoren: MarkIV, Zollinger, desas, Linceo, Lamynator

Antworten
Benutzeravatar
pradella2
Beiträge: 451
Registriert: 10.03.2025 18:13
Wohnort: Berlin

Nur Mut! Teil 1 und 2

Beitrag von pradella2 »

Für gutes Werkzeug kann man viel Geld ausgeben. Es gilt die Regel: Je spezieller, desto teurer. Nicht alles lässt sich mit einem Schweizer Taschenmesser erledigen. Aber: Handwerk, so heißt es, bedeutet zu fünfzig Prozent, sich Methoden auszudenken. Ich habe mich in letzter Zeit – eher zufällig und als Gefälligkeitsleistung – mit der Demontage von zeitgenössischen MB 14X beschäftigt. Den mit Edelharzkorpus – hier sind, auch wenn die Zerlegung ähnlich zu bewerkstelligen ist, nicht die Zelluloidmodelle aus den Fünfzigern gemeint. Mein Arbeitsplatz ist eine Ecke des Küchentischs, der wahrscheinlich etwas ruppigere Behandlung gewohnt ist als bei anderen Familien und auf dem auch mal gelötet oder Getreide gemahlen wird. Küchentisch heißt: Abends fummeln, danach alles restlos wieder wegräumen.

Was benötigt man, außer einigermaßen funktionierenden Händen, um den 14x zu Leibe zu rücken? Im Minimalfall ein Stück Fahrradschlauch, eine Wäscheklammer, einen Durchschlag (oder einen alten HSS-Bohrer von nicht mehr als 4 mm oder ein angespitztes Essstäbchen), ein Griffstück von einem Paperclip, eine Pinzette mit ca. 1 mm breiten Spitzen, einen Hammer und eine stabile Zange. Wenn man eine Miniaturbohrmaschine (Dremel, Proxxon) mit einer Schleifscheibe hat, ist das nicht von Nachteil.

Die Pinzette dient zum Herausschrauben des Feder-Triples. Vorheriges Wässern bzw. Ultraschallbad ist von Vorteil, Anwärmen des Griffstücks ebenfalls. Dann kann man mit den Spitzen der Pinzette in die Schlitzung des Federmantels greifen und diesen im Uhrzeigersinn herausschrauben. Bei neueren 146ern bin ich hin und wieder auf rötliches oder transparentes Silikon gestoßen, mit der das Gewinde abgedichtet war. Günstig ist das nicht, denn es erschwert den Ausbau und lässt sich auch durch Erwärmen nicht aufweichen. Wenn der Widerstand überwunden ist, kann man anstelle der Pinzette den Fahrradschlauchabschnitt als Griffpad verwenden und weiter von Hand ausschrauben.
Pinzette.jpeg
Pinzette.jpeg (307.14 KiB) 81 mal betrachtet
Der Griff des Paperclips dient als Hakenschlüssel für den Ausbau des Kolbens. Dazu müssen die beiden verkröpften Enden seiner Federbeine mit einer stabilen Zange um 90 ° gedreht werden. Je nach Länge des Überstandes und Durchmesser des Drahtes muss man diese gedrehten Enden dann noch kürzen und ihren Querschnitt quadratisch abrichten, sodass sie möglichst passgenau in die beiden schlitzförmigen Aussparungen der Messingbuchse / Kolbenschraube passen. Dazu dreht man den Füllknopf so weit wie möglich heraus. Obacht! Der von außen / bei zugeschraubtem Füllknopf sichtbare Goldring besteht aus sehr dünnem Blech. Wenn man den selbstgefertigten Hakenschlüssel grobmotorisch ansetzt, riskiert man eine hässliche Beule oder sogar einen Ausriss dieses goldenen Zierringes. Dann setzt man beide Beinchen der Drahtklammer in den Aussparungen der Messingbuchse an und dreht diese – auch im Uhrzeigersinn – aus dem Griffstück heraus. In der Regel sollte die gesamte Kolbenmechanik nebst Füllknopf usw. als eine Einheit ausschraubbar sein. Wie man feststellen kann, ist nur noch die Buchse selbst aus Messing, der Rest schnöder Kunststoff. Je nach Modellgeneration ist die Kolbenschraube im Füllknopf befestigt (sodass sie „klappern“ kann, aber nicht herausfällt) oder nur lose, aber drehmomentübertragend eingesteckt. Nach Ausbau kann man die Mechanik einfach auseinanderschrauben und aus der Messingbuchse ziehen.
Paperclip.jpg
Paperclip.jpg (65.36 KiB) 81 mal betrachtet
Hakenschlüssel1.jpg
Hakenschlüssel1.jpg (78.7 KiB) 81 mal betrachtet
Hakenschlüssel2.jpg
Hakenschlüssel2.jpg (35.79 KiB) 81 mal betrachtet
Zuletzt geändert von pradella2 am 19.06.2026 18:24, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
pradella2
Beiträge: 451
Registriert: 10.03.2025 18:13
Wohnort: Berlin

Nur Mut! Teil 2

Beitrag von pradella2 »

Die Wäscheklammer dient als passgenauer, aber materialschonender Ersatz für einen Knockout-Block. Man spannt die Feder wie auf dem Foto sichtbar ein und schiebt den Kragen des Triple-Mantels dicht an die Klammerflanke. Dann benötigt man eine Unterlage mit Loch (ich sagte ja, der Küchentisch ist Kummer gewohnt). Das Loch muss so groß sein, dass die Feder gut hineinpasst. Ein stabiler Rohrabschnitt oder dergleichen tut es auch, er muss nur lang genug sein, dass die Feder und der Tintenleiter lose aus dem Mantel herausfallen können, ohne beim Heraustreiben gewaltsam auf die Unterlage gestoßen zu werden. Mit dem Durchschlag oder mit einem etwas gekürzten und im Durchmesser reduzierten Essstäbchen und einem Hammer kann man jetzt mit sanften Schlägen, schön senkrecht geführt, sehr risikoarm den Tintenleiter und die Feder aus dem Kragen schlagen. Die Wäscheklammer liegt dabei schön eng am Tintenleiter / an der Feder an und verhindert Verkantung. Sie beißt aber nur so sanft zu, dass die Feder und die Lamellen des Tintenleiters ohne Schaden hindurchrutschen können.
Knockout-1.jpg
Knockout-1.jpg (94.59 KiB) 80 mal betrachtet
Knockout-2.jpg
Knockout-2.jpg (74.78 KiB) 80 mal betrachtet
Knockout-3.jpg
Knockout-3.jpg (55.93 KiB) 80 mal betrachtet
Knockout-4.jpg
Knockout-4.jpg (68.74 KiB) 80 mal betrachtet
Knockout-5.jpg
Knockout-5.jpg (50.62 KiB) 80 mal betrachtet
Auf dem letzten Bild sind Feder und Tintenleiter so weit herausgetrieben, dass sie knapp vorm Herausfallen sind.

Der Wiederzusammenbau erfolgt weitgehend von Hand. Feder und Tintenleiter lassen sich, mit dem Griffpad gepackt, mit einem energischen Handgriff ohne weiteres wieder in den Mantel hineinschieben. Man beachte die Einbaurichtung – der Kragen mit den beiden Einfräsungen für die Schraubmontage befindet sich auf der zur Feder gewandten Seite. Das untere Ende des Mantels und das glatte Ende des Tintenleiters müssen schlussendlich bündig abschließen. Feder und Tintenleiter werden nachvollziehbarerweise von oben in den Mantel hineingeschoben. Dann fettet man das Gewinde zart mit Silikonfett ein und schraubt es handfest wieder ins Griffstück. Die letzte Achteldrehung erledigt man besser und federschonend mit der als Schraubenzieher zweckentfremdeten Pinzette.

Ähnlich verfährt man mit der gereinigten und intern ebenfalls leicht silikongefetteten Kolbenmechanik. Bei ihrem Zusammenbau muss man ein paar Mal ansetzen. Ziel ist es, dass der Füllknopf im eingefahrenen Kolbenzustand stramm auf dem Rand der Messingmuffe aufsetzt, sonst labbert er nachher, und der Kolben gleichzeitig auf maximalem Rückzug steht. Eventuell passt es beim ersten Ansatz nicht, dann muss man sich iterativ anschleichen. Wenn es passt, dann schraubt man die ganze Einheit von Hand wieder ins Griffstück. Dabei fasst man die Einheit möglichst am Messing an. Nicht den arg dünnen Zierring vergessen! Er wird von der Kolbenseite aus so aufgefädelt, dass sein aufgewinkelter Rand nachher die beiden Schraubeinfräsungen verdeckt. Wenn es von Hand nicht mehr weitergeht, erledigt man die letzte Umdrehung mit dem Haken-Schraubenzieher alias Paperclip.

Also: Nur Mut!
Antworten

Zurück zu „Montblanc“