Füller Fotografieren

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Zollinger
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Füller Fotografieren

Beitrag von Zollinger » 13.07.2015 11:32

Ich werde immer wieder mal gefragt, wie ich die Bilder meiner Füllfederhalter-Sammlung aufnehme. Sinngemäss lauten die meisten Anfragen etwas so:

"...kannst Du mir bitte ein paar Tips geben, wie ich mit null Aufwand auch solche Bilder hinkriege...?"

Verständlicherweise reagiere ich auf solche Anfragen nur zurückhaltend, wenn überhaupt. Ohne mich rühmen zu wollen, oder die Sache komplizierter hinzustellen als sie ist, muss ich doch sagen, dass ohne einen gewissen Aufwand einfach keine guten Fotografien entstehen. Dies meine ich im rein technischen Sinne. Für eine gute Aufnahme müssen ein paar wenige Dinge stimmen.

Das wichtigste ist natürlich das Licht: dieses sollte ausreichend (Licht kann man bei der Studio und Objektfotografie gar nie genug haben) und vor allem diffus/weich sein.
Ausserdem sollt die Lichtquelle möglichst aus der Blick-/Aufnahmerichtung kommen.
Fragen zu Kamera, Objektiv und Hintergrund sind definitv untergeordnet.

Im Laufe meiner Samnmlungstätigkeit habe ich verschiedenes ausprobiert und mich zunehmends besser eingerichtet, vor allem um Zeit zu sparen und den Qualitätslevel zu sichern.

Ich habe mir deshalb eigens ein kleines Fülller-Fotostudio gebaut. Dieses orientiert sich klar am grossen Vorbild: Diffuses Licht von Oben, weisser Hintergrund mit Hohlkehle für optimale Lichtrelexion:

Bild
Grosses Foto-/Filmstudio

Und hier der Miniaturnachbau für meine Füller:

Bild

Lichtquelle ist ein kräftiges wenn auch älteres Nikon Blitzgerät. Der Raum (oder besser die Kiste) besteht aus weissem Foam-Board und hat auf der Rückseite eine Hohlkehle. Als Licht-Decke dient eine Walimex Softbox. Diese schickt weisses, sehr diffuses Licht nach unten. Dieses wird an allen Seitenwänden reflektiert und führt zu einer sehr gleichmässigen, fast schattenfreien Ausleuchtung. Vor dem Auslösen halte ich jeweils den runden Reflektor, der in der Mitte ausgeschnitten ist vor die Kamera, um das Licht auch von Vorne auf das Objekt zu reflektieren.

Ich habe herausgefunden, dass es für wichtig ist für das Bild, das der Gegenstand auf einem Boden verortet ist. Dies geschieht durch einen ganz leichten Schattenwurf auf die Unterlage. ich verwende dafür besonders körniges Papier, um diesen Effekt noch etwas zu untersteichen:

Bild

Dasselbe erreicht man auch mit einem Spiegelbild:

Bild

Auf jeden Fall finde ich es wichtig dass der Gegenstand einen Bezug zum Raum/Boden hat. Einige Füller-Fotografen benützen ein Lichtpult als Unterlage, um genau diese Verortung zu vermeiden. Der Eindruck der ensteht ist dass des Objekt ohne Bezug zum Kontext schwebt. Im Zeitalter der digitalen Bilderzeugung (Visualisierungen) finde ich das ein eher unangebrachter Effekt, der dem Gegenstand etwas unwirkliches, synthetisches verleiht. Aber das ist natürlich meine persönliche Meinung.

Natürlich ist die Tiefenschärfe (oder der Mangel davon) immer ein Problem in der Makrofotografie. Ich vermeide deshalb perspektivische Aufnahmen für die reine Dokumentation. Der Füller wird parallel zur Bildebene ausgerichten. Bei Blende 22 ist so ausreichend Schärfentiefe vorhanden.

Ich hoffe das klärt nun einige Eurer Fragen und amimiert zum selber ausprobieren. Viel Erfolg.
Z.

MCA
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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von MCA » 13.07.2015 12:40

Erstmal Hut ab für die kompakte Einführung in Objektfotografie!

Wegen Schärfentiefe: Hast du schonmal Fokusstacking versucht? Das ist ja besonders bei stillen Objekten recht einfach zu realisieren und erlaubt dir etwas mehr kreativen Freiraum was die Positionierung der Halter angeht.
Grüße,
Manuel

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Zollinger
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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von Zollinger » 13.07.2015 12:58

MCA hat geschrieben: Wegen Schärfentiefe: Hast du schonmal Fokusstacking versucht?
Ja, ich kenne das aus der Architektur-Modellfotografie, aber das Ziel meiner Bemühen war und ist eben genau das Vermeiden von übermässigem Aufwand in der Bild-Nachbearbeitung. Darum kommt das für mich nicht in Frage.
Z.

hotap

Re: Füller Fotografieren

Beitrag von hotap » 13.07.2015 13:00

DANKE für deine Mühen, Christof. Bild
Dann bin ich ja mal gespannt, ob ich das so umsetzen kann.
Wie mir „Herr/Frau google“ mitteilte, kostet so eine „SoftBox“ ja auch nicht die Welt.
Schöne Grüße
Günter

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meinauda
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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von meinauda » 13.07.2015 13:32

Vielen Dank!!!!

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von karlimann » 13.07.2015 15:21

Für die Spar-Variante sucht mal bei Pearl nach "Lichtzelt".

Ich hatte da vor Jahren mal eines gekauft für 40 oder 50EUR mit Lampen. Das war für kleine Sachen auch ok und ist weniger aufwändig.
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Zollinger
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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von Zollinger » 13.07.2015 16:11

hotap hat geschrieben: Wie mir „Herr/Frau google“ mitteilte, kostet so eine „SoftBox“ ja auch nicht die Welt.
Meine hat um die 50 Euro gekostet.
...beim Blitz wird's dann schon etwas teurer.
Z.

karlimann hat geschrieben:Für die Spar-Variante sucht mal bei Pearl nach "Lichtzelt".
Ich habe ehrlich gesagt Bedenken dass Du mit einem Lichtzelt und günstigen Lampen ähnliche Resultate erzielst, lasse mich aber gerne durch Referenzbilder von Dir eines besseren belehren.
Z.

DiBa

Re: Füller Fotografieren

Beitrag von DiBa » 13.07.2015 16:53

Nach meiner Erfahrung bringen Lampen mit Lichtzelt nicht genug Licht auf den Sensor. Wäre es anders, wären meine Bilder nicht so viel schlechter als Christofs.

Christof, genügt der Reflektor vor der Kamera, um Reflexionen auszuschließen? Meine meist silberne Stifte sind da sehr heikel.

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von Hansn » 13.07.2015 16:59

Das ist eine prima Erklärung und die Aufnahmen sprechen wirklich für sich!
Danke fürs Teilen!
:)

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von Zollinger » 13.07.2015 17:26

DiBa hat geschrieben:Nach meiner Erfahrung bringen Lampen mit Lichtzelt nicht genug Licht auf den Sensor. Wäre es anders, wären meine Bilder nicht so viel schlechter als Christofs.

Christof, genügt der Reflektor vor der Kamera, um Reflexionen auszuschließen? Meine meist silberne Stifte sind da sehr heikel.
Nein. Wo eine Lichtquelle ist gibt's Reflexionen. So oder so.
Da hilft nur mühsames Nachbearbeiten.
Der Reflektor soll ganz einfach eine geschlossene Box simulieren, aus welcher von allen Seiten her Licht kommt.
Z.

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von amarti » 13.07.2015 18:33

Folgendes war für mich neu:

Nur ein Licht, aber von oben.
Softbox auch vorne abdecken. Ringreflektor ist billiger als ein Ringblitz.
Grobe Papierunterlage
Walimex Softbox ist weicher als Kunstoffreflektoren.
Klein und immer aufgebaut ist besser als SuperAffenGeil im Schrank.


Zur Tiefenschärfe:
Da wir keine Printvorlagen erstellen sondern nur Web-Fotos für ganz popelige Monitore, müssen wir nicht bei ISO 100 bleiben. Wir müssen auch nicht bei ISO 800 bleiben. Erzähl einfach niemandem, dass du mit ISO 1600 oder mehr fotografierst. Körner siehst nur du. Andere sehen ein tolles Foto.

Ich habe auch das gleiche Stativ. Mit einer Kiew 66 hat das Eschenholz ganz schön gezittert. Ein Drahtauslöser/Fernauslöser kostet nicht die Welt, bringt aber auch eine ganze Menge bei geringem Geldeinsatz.

Andreas

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von Zollinger » 13.07.2015 19:03

amarti hat geschrieben:Folgendes war für mich neu:

Nur ein Licht, aber von oben.
Softbox auch vorne abdecken. Ringreflektor ist billiger als ein Ringblitz.
Grobe Papierunterlage
Walimex Softbox ist weicher als Kunstoffreflektoren.
Klein und immer aufgebaut ist besser als SuperAffenGeil im Schrank.


Zur Tiefenschärfe:
Da wir keine Printvorlagen erstellen sondern nur Web-Fotos für ganz popelige Monitore, müssen wir nicht bei ISO 100 bleiben. Wir müssen auch nicht bei ISO 800 bleiben. Erzähl einfach niemandem, dass du mit ISO 1600 oder mehr fotografierst. Körner siehst nur du. Andere sehen ein tolles Foto.

Ich habe auch das gleiche Stativ. Mit einer Kiew 66 hat das Eschenholz ganz schön gezittert. Ein Drahtauslöser/Fernauslöser kostet nicht die Welt, bringt aber auch eine ganze Menge bei geringem Geldeinsatz.

Andreas
Mit dem Blitz kann's gut bei ISO 200 bleiben.

Das Stativ stammt noch aus einer anderen Zeit. Damals gab's die DDR noch und da kam es her - ziemlich günstig für CH-Verhältnisse.

Die Kiew, war das der Pentax 6x9 Nachbau? So eine Pentax war immer mein Traum, im analogen Leben...
Z.

PS: "...Klein und immer aufgebaut ist besser als SuperAffenGeil im Schrank.
..."
Genau darum geht's hier!
Zuletzt geändert von Zollinger am 13.07.2015 19:25, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von glucydur » 13.07.2015 19:05

Ich bin einfach nur beeindruckt. Chapeau! Die Bilder, die mit diesem Aufbau erzeugt werden, sind von einer Güte, an die hier im Forum niemand heran kommt. Mir war, obwohl ich im Photographie-Bereich recht unkundig bin, klar, dass hier professioneller Aufwand dahinter stecken muss. Danke für diese sehr lehrreichen und interessanten Einblicke.

VG

Alexander
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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von amarti » 13.07.2015 19:31

Zollinger hat geschrieben:Die Kiew, war das der Pentax 6x9 Nachbau?
Nein, Hasselblad 6X6 Nachbau. Die gab es 1992/94 mit Suppenteller grossem Fischei noch fürn Appel und Ei.

Später dann etwas bessere Modelle abgedichtet bei Brenner.

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Re: Füller Fotografieren

Beitrag von toni » 13.07.2015 19:36

Toll! Vielen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, diesen Beitrag zu erstellen. Ich habe absolut Respekt vor Deinen Fotos - immer großartig! Da kann ich mit meinen iPhone-Bildern wohl nie mithalten - aber zu viele Hobbies und Ausgaben machen die Frau unglücklich ;-)
Viele Grüße
Toni

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