Kitzigs Kritzeln

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Nitschewo
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Kitzigs Kritzeln

Beitrag von Nitschewo »

Ahlen in Westfalen reimt sich sehr hübsch, ist aber weitgehend unbekannt, obwohl es allerhand zu bieten hat. In seiner Blütezeit waren Bergbau und Emaille-Industrie Hauptarbeitgeber. Heute verfügen wir über eine stillgelegte Zeche, die vor allem als Treffpunkt illegaler Autotuning-Treffen Furore macht, und einen blauen Topf, der auf der verfallenen Fassade eines ehemaligen Emaillierwerkes thront. Man sieht ihn durchs Fenster, wenn man aus Richtung Hamm kommend mit dem Zug in Ahlen einfährt. Dann weiß man, ach guck, ich bin in Ahlen.

Architektonisch hat Ahlen einiges zu bieten, man muss sich aber beeilen, wenn man es anschauen möchte. Am Marktplatz gibt es einen prachtvollen Jugendstilbau, der vor vielen Jahren von privater Hand gekauft und sich selbst überlassen wurde. Immerhin sind dort nun Fangnetze an der Fassade angebracht, um Passanten vor herabfallenden Fassadenteilen zu schützen. In der weitgehend verwaisten Fußgängerzone kann man ein pittoreskes Zuckerbäckergebäude mit Erkern, Türmchen und sinnlosen Balkonen bewundern, einstmals Sitz eines pleite gegangenen Modehauses, das eigentlich verkauft und abgerissen werden sollte; doch sprang der Käufer ab und nun dämmert auch dieses marode Bauwerk seinem unrühmlichen Ende entgegen. Unser überdimensioniertes Rathaus, vor knapp 50 Jahren errichtet, gewann weiland einen Architekturpreis. Es steht auf eigentlich ungeeignetem Grunde und ist undicht und schimmelig, weswegen es nun abgerissen werden soll. Das neue Rathaus wächst derweil auf selbigem Grunde in die Höhe.

Doch ich gerate ins Faseln, man möge mir das verzeihen. Noch stundenlang könnte ich mich in Lobpreisungen meiner Heimatstadt ergehen, ich komme aber jetzt zu berühmten Leuten, die aus Ahlen kommen. Neben Adrian Topol, der hier sogar mal einen Film mit Bjarne Mädel gedreht hat, zählt auch Alfred Kitzig dazu. Man kann eigentlich nicht in Ahlen wohnen, ohne einen Bergmann oder die heilige Barbara als Radierung an der Wand hängen zu haben. Bei uns hing jedenfalls eine heilige Barbara an der Wand, die ich als Kind ganz schön gruselig fand. Wäre ich unter Tage im Stockfinstern gewesen und plötzlich wäre da so ein durchscheinendes Gespenst mit einer Laterne in der Hand erschienen, ich hätte mich erschrocken.

Unlängst sandte mir mein Vater zwei Fotos per WhatsApp: Er hatte einen weiteren Kitzig geschenkt bekommen. Diesmal kein Motiv aus dem Bergbau und auch keines aus dem ländlichen Münsterland, sondern aus dem Zyklus zu Rilkes Stundenbuch. Es passt auch ganz prima zur heiligen Barbara, denn es zeigt einen Haufen dürrer, bärtiger alter Zausel in wallenden Gewändern und ist ebenfalls sehr gruselig.

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Der Künstler, so berichtete mein Vater, habe auch was unter das Bild geschrieben, was aber nicht entzifferbar sei. Er habe zunächst gedacht, es sei Sütterlin; inzwischen sei er aber zu dem Schluss gekommen, Herr Kitzig habe einfach eine furchtbare Sauklaue gehabt. Unbedacht äußerte ich, er möge mir doch eine Aufnahme des Geschriebenen zukommen lassen, ich könne Sütterlin entziffern und sogar die Sauklaue meines Chefredakteurs lesen, da dürfte so eine Künstlerhandschrift ja wohl Pipifax dagegen sein.

Wie so oft in meinem Leben hatte ich mich da wohl gründlich verschätzt. Herrn Kitzigs Gekritzel mit Bleistift war dann doch eine ganz andere Liga als Herrn R.s Geschmiere mit seinem Lamy Safari. Der große Sohn unserer kleinen Stadt schien in der Entscheidung für eine Schriftart eine nicht hinnehmbare Beschränkung seiner künstlerischen Freiheit zu sehen. Es gab Sütterlin und irgendwas, und ich gab nach fünf Minuten auf und googelte, was ich entziffern konnte. Mit dem Google-Ergebnis griff ich zur Taschenbuch-Ausgabe von „Rilke reloaded“, fand die Textstelle aus dem Stundenbuch im Teil „Auf der Pilgerschaft“, fotografierte die Seite und erklärte dem staunenden Vater, das sei ja wohl eine meiner leichtesten Übungen gewesen.

Jetzt hab ich echt Angst, dass er noch mehr Kitzigs mit Gekritzel geschenkt bekommt.

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Viele Grüße

Bianka

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TomSch
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Re: Kitzigs Kritzeln

Beitrag von TomSch »

Hallo Bianka.

Die 'Übersetzung' ist nicht wirklich schwer:

"Aus dem Stundenbuch:
Du großer alter Herzog des Erhabnen:
hast du vergessen, diesen Eingegrabnen
den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,
weil sie sich tief in Erde eingetaucht?

Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,
am ähnlichsten der Unvergänglichkeit?"

Die "alten Zausel", wie du sie zu nennen beliebst, sind übrigens mumifizierte Mönche aus einem Höhlenkloster bei Kiew, das Rilke besuchte und unter dessen Eindruck er auch die Stundengebete verfasste.

In Topic und dabei doch ein anderer, musikalischer Aspekt: Dieses Gedicht wurde von dem estnischen Komponisten Arvo Pärt, in Berlin lebend, entdeckt und zur Vertonung wert befunden: "Fratres" gibt es von dem Meister seines Faches in unterschiedlichen Varianten, z.B. für mehrere Cellisten oder ein Duett für Violine und Klavier. In allen Fällen ein un- und -heimeliches, geheimnisvolles und emotionales Werk, das sich zu hören und zu fühlen lohnt. :idea:

Herzliche Grüße mit tschö,
Thomas
Nitschewo
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Re: Kitzigs Kritzeln

Beitrag von Nitschewo »

Danke für die Infos! Ich habe den Vater gleich mal auf Rilkes Russlandreise 1900 hingewiesen. Er hat sich tatsächlich schon ein antiquarisches Werk bestellt, das das Stundenbuch enthält, vielleicht sind auch Lou Andreas-Salomes Tagebuchaufzeichnungen was für ihn.
Viele Grüße

Bianka

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Re: Kitzigs Kritzeln

Beitrag von meinauda »

Wie interessant zu lesen. Ahlen ist auch meine Heimatstadt.
Alfred Kitzig und Hermann Schweitzer sind mir aus meiner Jugendzeit recht bekannt. Meine Familie lebte /lebt seit 1949 in Ahlen.

Meine Mutter hatte auch ein Bild von Alfred Kitzig.
Ich glaube, ich habe in dem Ordner mit den Korespondenzen meiner Mutter noch einen Briefwechsel mit Herrn Kitzig.

Und unter Deinem Bild hat Alfred Kitzig reines Kurrent geschrieben,
denn er ist 1902 geboren und vermutlich ab 1908 zur Schule gegangen.
Sütterlin wurde ja erst ab 1915 in den Schulen gelehrt.
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Reformator
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Re: Kitzigs Kritzeln

Beitrag von Reformator »

Hallo,

ein sehr beeindruckendes Bild, sehr ausdrucksstark.
Ich habe gerade die Bildersuche bemüht. Zugegebenermaßen kannte ich den Künstler bisher nicht - das Forum schließt also mal wieder eine Bildungslücke. Was dort angezeigt wird, hat eher hamlosen, volksümlichen Charakter. Mit diesem gar nicht zu vergleichen.
Bis demnächst...
Helge
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