Architektonisch hat Ahlen einiges zu bieten, man muss sich aber beeilen, wenn man es anschauen möchte. Am Marktplatz gibt es einen prachtvollen Jugendstilbau, der vor vielen Jahren von privater Hand gekauft und sich selbst überlassen wurde. Immerhin sind dort nun Fangnetze an der Fassade angebracht, um Passanten vor herabfallenden Fassadenteilen zu schützen. In der weitgehend verwaisten Fußgängerzone kann man ein pittoreskes Zuckerbäckergebäude mit Erkern, Türmchen und sinnlosen Balkonen bewundern, einstmals Sitz eines pleite gegangenen Modehauses, das eigentlich verkauft und abgerissen werden sollte; doch sprang der Käufer ab und nun dämmert auch dieses marode Bauwerk seinem unrühmlichen Ende entgegen. Unser überdimensioniertes Rathaus, vor knapp 50 Jahren errichtet, gewann weiland einen Architekturpreis. Es steht auf eigentlich ungeeignetem Grunde und ist undicht und schimmelig, weswegen es nun abgerissen werden soll. Das neue Rathaus wächst derweil auf selbigem Grunde in die Höhe.
Doch ich gerate ins Faseln, man möge mir das verzeihen. Noch stundenlang könnte ich mich in Lobpreisungen meiner Heimatstadt ergehen, ich komme aber jetzt zu berühmten Leuten, die aus Ahlen kommen. Neben Adrian Topol, der hier sogar mal einen Film mit Bjarne Mädel gedreht hat, zählt auch Alfred Kitzig dazu. Man kann eigentlich nicht in Ahlen wohnen, ohne einen Bergmann oder die heilige Barbara als Radierung an der Wand hängen zu haben. Bei uns hing jedenfalls eine heilige Barbara an der Wand, die ich als Kind ganz schön gruselig fand. Wäre ich unter Tage im Stockfinstern gewesen und plötzlich wäre da so ein durchscheinendes Gespenst mit einer Laterne in der Hand erschienen, ich hätte mich erschrocken.
Unlängst sandte mir mein Vater zwei Fotos per WhatsApp: Er hatte einen weiteren Kitzig geschenkt bekommen. Diesmal kein Motiv aus dem Bergbau und auch keines aus dem ländlichen Münsterland, sondern aus dem Zyklus zu Rilkes Stundenbuch. Es passt auch ganz prima zur heiligen Barbara, denn es zeigt einen Haufen dürrer, bärtiger alter Zausel in wallenden Gewändern und ist ebenfalls sehr gruselig.

Der Künstler, so berichtete mein Vater, habe auch was unter das Bild geschrieben, was aber nicht entzifferbar sei. Er habe zunächst gedacht, es sei Sütterlin; inzwischen sei er aber zu dem Schluss gekommen, Herr Kitzig habe einfach eine furchtbare Sauklaue gehabt. Unbedacht äußerte ich, er möge mir doch eine Aufnahme des Geschriebenen zukommen lassen, ich könne Sütterlin entziffern und sogar die Sauklaue meines Chefredakteurs lesen, da dürfte so eine Künstlerhandschrift ja wohl Pipifax dagegen sein.
Wie so oft in meinem Leben hatte ich mich da wohl gründlich verschätzt. Herrn Kitzigs Gekritzel mit Bleistift war dann doch eine ganz andere Liga als Herrn R.s Geschmiere mit seinem Lamy Safari. Der große Sohn unserer kleinen Stadt schien in der Entscheidung für eine Schriftart eine nicht hinnehmbare Beschränkung seiner künstlerischen Freiheit zu sehen. Es gab Sütterlin und irgendwas, und ich gab nach fünf Minuten auf und googelte, was ich entziffern konnte. Mit dem Google-Ergebnis griff ich zur Taschenbuch-Ausgabe von „Rilke reloaded“, fand die Textstelle aus dem Stundenbuch im Teil „Auf der Pilgerschaft“, fotografierte die Seite und erklärte dem staunenden Vater, das sei ja wohl eine meiner leichtesten Übungen gewesen.
Jetzt hab ich echt Angst, dass er noch mehr Kitzigs mit Gekritzel geschenkt bekommt.

