Faber-Castell 9603 TEKAGRAPH

(älter als 30 Jahre)

Moderatoren: MarkIV, Zollinger, desas, Linceo, Lamynator

Antworten
Benutzeravatar
pradella2
Beiträge: 451
Registriert: 10.03.2025 18:13
Wohnort: Berlin

Faber-Castell 9603 TEKAGRAPH

Beitrag von pradella2 »

Zum Faber-Castell TEKAGRAPH hege ich eine stark autobiografisch geprägte Beziehung. Ich bin Architekt, und einer der Gründe, warum ich mich für ein Architekturstudium entschloss, war ein romantischer: Ein Freund meiner Eltern, damals schon auf dem Weg in den Ruhestand, war Architekt und imponierte mir mit seiner gelassenen Weltläufigkeit, vor allem aber mit seiner lässigen Art, mit wenigen Strichen Atmosphäre auf ein Stück Papier zu werfen oder ein Detail für einen Gartenzaun zu entwickeln. Bei einer solchen Gelegenheit hielt er, es muss in den frühen Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein, sinnend einen auffälligen Stift in die Luft und pries dessen dreikantiges Griffstück als ihm wie in die Hand geformt. Mir ging dieser Stift mit seinem kräftig ausgebildeten Griffstück, das geradezu dramatisch-unvermittelt in einen äußerst schlanken, verchromten Schaft übergeht, nicht aus dem Kopf. Im Schreibwarenhandel war er aber nirgends zu finden, und Kurt Karl Rohbra danach zu fragen, war ich zu schüchtern. KKR starb Ende der Achtziger und bekam nicht mehr mit, welchen Weg ich einzuschlagen gedachte. Leider räumten seine lachenden Erben auch sein (selbstentworfenes und von einem großartigen Garten umgebenes) Haus aus, ohne dass auch nur das kleinste Fitzelchen Nachlass seinen Weg zu mir fand. Allerdings hatte er, das ist aber eine andere Geschichte, mir vorher, quasi noch aus warmer Hand, eine goldgrün-hammerschlageffektlackierte Dahle 99 Spitzmaschine vermacht, und einen Dreikantmaßstab (Birne, mit Skalen aus Zelluloid), die mich durch mein gesamtes Studien- und Arbeitsleben bis heute begleiteten. Erst auf einem Foto unseres Mitforisten Christof stieß ich nach Jahrzehnten wieder auf den Stift, den KKR damals sinnend gegen das Licht gehoben und gepriesen hatte, und machte mich dann selbst auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

Das ist die eine Seite, die subjektive.
TEKAGRAPH2.jpg
TEKAGRAPH2.jpg (292.3 KiB) 178 mal betrachtet
Die andere ist ein recht erstaunliches, wiewohl typisches Stück bundesrepublikanischer Zeitgeschichte und deutscher Biographie des zwanzigsten Jahrhunderts. Der TEKAGRAPH kam ca. 1960 auf den Markt (Faber-Castell erhielt am 31.01.1959 das Patent). Die ihn begleitende, zeitgenössische Werbung spricht eine deutliche Sprache. Er sollte die Schnittstelle zwischen dem Techniker und dem Künstler besetzen (TE und KA). Damit besetz er genau die Stelle, an der sein Schöpfer sich auch sah: Entwickelt (man muss wohl eher sagen: Gestaltet) wurde er von Günter Fuchs. Günter Fuchs, 1907 geboren in Schwarzenbach an der Saale, studierte Mitte der Zwanzigerjahre Maschinenbau an der TU München, gründete anschließend mit seinem Vetter eine Ofenfabrik und heiratete 1932 Erika Fuchs. Genau: Die Erfinderin des Erikativs, außerdem bekannt als jahrzehntelange, kongeniale Übersetzerin der Donald-Duck-Episoden von Carl Barks. Gerne hätte ich mal ein Familien-Abendessen der Fuchsens belauscht…
TEGAGRAPH0 Kopie.jpg
TEGAGRAPH0 Kopie.jpg (379.97 KiB) 178 mal betrachtet
Günter Fuchs wurde 1941 zur Wehrmacht eingezogen, war als Ingenieur am sog. Unternehmen Barbarossa beteiligt und ab 1943 für W. v. Braun am V-2-Programm tätig. Nach dem Krieg war er mit der Wiederbelebung seiner Ofenfabrik beschäftigt. Eine zunehmend wichtigere Rolle fand er jedoch in der Neugründung mehrerer Gestaltungsinstitutionen wie dem Werkbund Bayern, dem Kuratorium der Neuen Sammlung München und des Hauses der Industrieform in Essen. Ab 1956 hielt er Vorlesungen zum Thema „Technische Morphologie“, diese ab 1968 Teil des Lehrplanes am Lehrstuhl für Konstruktionstechnik. Fuchs sah seine Rolle vor allem darin, Ingenieuren gestalterische Kompetenzen zu vermitteln, tätig an der Schnittstelle zwischen Gestaltung und (technischer) Konstruktion.

Ebendort siedelt der TEKAGRAPH – und löst die Synthese zwischen TE und KA durch deren direkte Kombination: Aus einer künstlerisch anmutend Plastik, geometrisch komplex als räumliche Schnittfigur eines dreiseitigen Pyramidenstumpfes und eines mit außermittiger Enthasis versehenen Kegelstumpfs, geformt aus (na klar!) Plastik, erwächst unvermittelt (?) ein zylindrischer, verchromter Messingschaft, wenig dicker als die verwendeten Minen, der in einem ebenfalls zylindrischen Drücker endet. Damit das Ganze zu einer Einheit wird, taucht das verchromte Messing an der Spitze als Spreizzange und Führungsspitze wieder auf und ist der heckseitige Schaft leicht konifiziert. So leicht, dass man zweimal hinschauen muss, um zu erkennen: Dies ist kein simpler Rohrabschnitt, sondern ein sehr schlanker Konus.
TEKAGRAPH3.jpg
TEKAGRAPH3.jpg (274.71 KiB) 178 mal betrachtet
Die Mechanik entspricht der der allgemein bekannten TK-Stifte: Eine Klemmzange an der Spitze eines Messingrohres wird von einer Führungshülse zusammengedrückt und spreizt sich, wenn aus dieser Führungshülse herausgedrückt, auseinander und gibt die dreiseitig beklemmte Mine frei. Deren Vorschub regelt man manuell, durch Aufsetzen der freien Minenspitze auf die Tischplatte, den Fingernagel oder den Tiefenanschlag, mit dem viele Spitzmaschinen für Fallminenstifte ausgestattet sind.

Der Stift liegt aufgrund seiner Länge hervorragend in der Hand. Das Chromende findet seine Position in der Daumenbeuge; Daumen, Zeigefinger und Ringfinger schmiegen sich an die drei Kanten des angenehm geballten Griffstückes. Außerdem – sieht er hinreißend aus und zählt zu jenen Schreibgeräten, auf die man immer wieder angesprochen wird. Mein Exemplar hat ein langes Arbeitsleben hinter und hoffentlich auch noch vor sich. Die Verchromung des Schaftes ist bis aufs Messing abgegriffen. Am Drücker ist überhaupt kein Chrom mehr vorhanden. Vom Drücker finden sich zwei Varianten, eine glatte und eine mit zwei parallelen Ringkerben, ähnlich der an den 9400er TK-Stiften.

An einer Stelle scheiden sich aber die Geister: Das ist die "verordnete" Ergonomie der Dreikantigkeit. Christof hat zu Recht darauf hingewiesen, dass man mit diesem Stift eines partout nicht kann: Ihn während des Stricheziehens drehen, so wie man es als Bauzeichner bzw. im Grundstudium zumindest damals noch beigebracht bekam, damit sich die Spitze gleichmäßig abnutzt und der Strich (wir sprechen vom lineal- oder zeichendreieckgeführten, technischen Strich) seine Linienbreite nicht im Verlauf ändert. Wer weiß – vielleicht schlug das KA – Herz von Günter Fuchs lauter als das TE-Herz.
Benutzeravatar
Entschleuniger
Beiträge: 789
Registriert: 11.03.2021 18:34
Wohnort: Forenmisanthrop

Re: Faber-Castell 9603 TEKAGRAPH

Beitrag von Entschleuniger »

Danke für diese grossartige Vorstellung!

Der fehlt mir noch :)

LG Martin
Benutzeravatar
Edelweissine
Beiträge: 2838
Registriert: 08.01.2016 18:32

Re: Faber-Castell 9603 TEKAGRAPH

Beitrag von Edelweissine »

Tolle Beschreibung, die ich mit Genuss gelesen habe!
Moral von der Geschicht':
Einen solchen Stift benötige ich nicht, brauche ihn aber unbedingt.
Gruß,
Heike
Benutzeravatar
mondindianer
Beiträge: 682
Registriert: 20.05.2013 17:39
Wohnort: Wendland

Re: Faber-Castell 9603 TEKAGRAPH

Beitrag von mondindianer »

Danke für diesen informativen wie unterhaltsamen Beitrag! Ich freue mich immer über solche vermeintlichen Randthemen, die aber den Verfassern sehr am Herzen liegen.
Viele Grüße
Fritz
Antworten

Zurück zu „Alte Schreibgeräte/Oldies“