Ich weiß, dies ist kein Füllhalter. Aber es ist ein Parker, der es in sich hat und dem man nicht jeden Tag begegnet, deshalb stelle ich diesen kleinen Beitrag im Haupt-Parker-Ordner ein.
Walter „Wally“ Bieger stieß 1956, kaum 23 Jahre alt, zur Parker Company hinzu, zunächst als Assistent des legendären Don Doman (und nachdem dieser sich selbstständig gemacht hatte, als sein Nachfolger). Eine seiner ersten Aufgaben für Parker war die Gestaltung eines aus dem Jotter beziehungsweise seiner Mine abgeleiteten, eleganten Damen-Kugelschreibers. Die Aufgabenstellung lautete: Der gesamte Stift soll nicht länger sein als die Mine eines Jotters. Wally Bieger löste diese Aufgabe, indem er eine Mischung aus elftem Finger und normalem Clicker kreierte. Im eingefahrenen Zustand ist der Minim ungefähr 1,5 mm länger als die Mine. Im ausgefahrenen Zustand verschwinden diese 1,5 mm auf magische Weise. Das tollste ist aber, dass der Mechanismus außer der Clickerkappe selbst auf einem einzigen, beweglichen Teil beruht. Dieses ist nicht in der Achse der Mine angebracht, sondern ein seitlich in den Stiftschaft hineinragendes Federelement. Deshalb aktiviert man die Mine auch klassisch, wie beim Jotter, indem man den Clicker nach innen drückt, aber der Rücklauf funktioniert, indem man seitlich gegen den Klicker drückt. An welcher Stelle dies zu geschehen hat, gibt das schräg abgeschnittene Schaftende vor. Dieser Schrägschnitt lässt formal eine ganze Menge unterschiedlicher Assoziationen zu, bildet aber auf alle Fälle (neben der spitz zulaufenden Raketenform) den gestalterischen Kick. Natürlich befindet sich der PARKER Schriftzug auf der von diesem Schrägschnitt gebildeten Front. Die minimale Unwucht des Stiftes sorgt dafür, dass der Stift, auf einer glatten Oberfläche abgelegt, immer so zu liegen kommt, dass er den freigelegten Clicker präsentiert und natürlich auch den Schriftzug.
Die hatten es wirklich drauf damals.
Man kann nichts weglassen an diesem aus fünf Teilen plus Mine bestehenden Stift. Diese Teile jedoch sind so geformt und gefügt, dass man auch nicht mehr rausholen kann. Vor allem keine größere Spannweite zwischen eindeutig-zweideutiger Anspielung und so subtilen Nebeneffekten wie dem der Unwucht.
Am Markt war der Minim, auch genannt Shorty Jotter, von 1957-1962. Zunächst als Kunststoffmodell, bald darauf (und in der Hauptsache) als vergoldeter oder sogar massiv goldener Begleiter der Dame von Stil und Geschmack.
Länge (eingefahren) 104 mm
Länge (ausgefahren) 102,5 mm
Durchmesser an der Enthasis 10,5 mm
Gewicht (mit Mine) 17,2 g
Hier in der Version Walzgold mit 1/10 mm dicker Auflage in 12 kt
Walter Bieger starb 75-jährig am 19. September 2008, hinterließ drei Kinder, sieben Enkelkinder und wurde in seiner Traueranzeige als Gestalter, Reisender und Segler bezeichnet. Ich nehme an, es gibt Leben, die weniger erfüllt waren als seins. Statt Blumen wünschte er Spenden an seinen Segelverein.
Parker Minim / Shorty Jotter
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Re: Parker Minim / Shorty Jotter
Da könnte sogar ich schwach werden. Anders gesagt: wenn Kuli, dann diesen! Vielen Dank für die Vorstellung.
Iris
Mein Avatar ist ein Gemälde von Ilja Maschkow (1881-1944): Selbstporträt; 1911, das in der neuen Tretjakow-Galerie (am Krimskij Wal) in Moskau hängt, wo ich es fotografiert habe.
Mein Avatar ist ein Gemälde von Ilja Maschkow (1881-1944): Selbstporträt; 1911, das in der neuen Tretjakow-Galerie (am Krimskij Wal) in Moskau hängt, wo ich es fotografiert habe.
Re: Parker Minim / Shorty Jotter
Wow, ein Parker, den ich noch nicht kannte.
Danke für die Vorstellung und die Geschichte dahinter. Der Kuli ist echt faszinierend.
Da muss ich mich gleich mal auf die Suche begeben
Andi
Danke für die Vorstellung und die Geschichte dahinter. Der Kuli ist echt faszinierend.
Da muss ich mich gleich mal auf die Suche begeben
Andi
Don't feed the troll.
