Überraschungsfedern von John Sorowka

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hessi
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Überraschungsfedern von John Sorowka

Beitrag von hessi » 12.06.2015 17:46

Als bekennender Querbeetsammler und Schnellschießer passiert es mir immer mal wieder, dass ich Füllfederhalter kaufe, bei denen ich schon weiß, dass ich sie - z.B. aufgrund ihrer Feder - nie besonders lieben werde. Der Gedanke dahinter ist dann stets, dass ich mal irgendwann einen Nibmeister kontaktieren werde und mir eine passende Feder schnitzen lasse.

So ging es mir auch mit meinen beiden hochwertigeren Lamy:

Zum einen ein Dialog 3 mit einer 14ct M Feder, sehr kurzentschlossen und günstig hier im Forum erstanden ("ach, pack ihn noch mit dazu"), der mich zwar positiv überrascht hat, da die Goldfeder in M mit der gemeinen Stahlfeder in M außer dem Aussehen nicht viel gemeinsam hat, der dann aber trotzdem ein Schattendasein gefristet hat, da die M in ihrer Mittelmäßigkeit in meinen Augen eben ein Schriftbild hat, das zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig... äh, ok, falsche Analogie. Aber Ihr wisst was ich meine.

Zum anderen ein 2000 mit OB Feder - für viel zu wenig Geld ersteigert, beim ersten Reinigen gleich die Kolbenstange abgedreht, dank Forum und gutem Service von Lamy schnell repariert, aber als von oben schreibender Linkshänder war nach dem ersten Schreiben schnell klar, dass ich zwar mit viel Mühe Tinte auf's Papier bekomme, es aber doch schade wäre, auf Dauer immer nur den rechten Federschenkel zu benutzen, denn ich konnte die Hand beim besten Willen nicht so verdrehen, dass auch der linke Schenkel das Papier berührt.

Soweit, sogut. Mit mir selbst habe ich mich schnell auf John Sorowka als den Nibwrangler meiner Wahl geeinigt, aber jetzt stehe ich da - was will ich denn? Needlepoint? Davon hab ich schon drei, das reicht langsam. Also Stub/Italic, aber was? Normal oder Hebrew? Mit Flex? Wie breit? Eindeutig zu schwere Entscheidungen für mich, mal schauen, was John sagt...

Zum Glück hat er sich sofort darauf eingelassen - soweit man das bei seinem zwar ausführlichen, aber sehr trockenen Schreibstil beurteilen kann, schien er Gefallen an der Aufgabe zu haben, mich mit zwei Schliffen seiner Wahl zu überraschen. Er wollte sehr detaillierte Beschreibungen meiner Schreibposition, inklusive Fotos, Reichweite meiner Hand, Schriftproben etc, die ich nur zu gerne geliefert habe.

Mitte März hatte er dann genug Informationen, dass ich ihm die beiden Lamy zuschicken durfte, danach fing das große Warten an. In FPN und auch hier wird häufig geschrieben, wie schnell er arbeitet, aber mir war schon klar, dass ich das in diesem Fall nicht erwarten darf. Je mehr Zeit ich ihm gebe, desto interessanter wird vielleicht der Schliff.

Trotzdem, Anfang Mai wurde ich dann langsam ungeduldig - noch dazu, da er mir in unserem gesamten vorherigen Austausch kein einziges Mal die mehrfach direkt gestellte Frage beantwortet hat, was das ganze denn so ungefähr kosten würde. Und auch diesmal blieb er mir die Antwort schuldig, aber kündigte zumindest an, dass der Dialog 3 fertig sei und er mit dem 2000 auch langsam zufrieden ist, er aber noch am Feinschliff (literally) arbeite.

Wir hatten beide die Hoffnung, dass ich beide Stifte zur Penshow Nürnberg bereits haben würde, leider hat ein Post-Snafu am Ende dafür gesorgt, dass ich erst am 1. Juni ein Paket von ihm in meinen Händen halten durfte.

Darin: Viel Verpackungsmaterial, zwei Lamy und sonst: Nichts. Keine Rechnung, keine Brief, keine Schreibprobe. Er macht's wirklich spannend.

Erstmal den Dialog 3 ausgepackt, Feder angeschaut - ja, oben gerade, das sieht nach Cursive Italic aus, und tatsächlich, eine schön geschliffene Medium Cursive Italic (ohne nachgemessen zu haben würde ich sie bei ungefähr 0.8-0.9mm einstufen), weniger scharf geschnitten als eine Masuyama Cursive Italic, aber auch nicht so rund stubbig, dass die Linienvarianz verloren geht. Eine gute Alltagsfeder.

Dann der Lamy 2000, und der erste Blick irritiert - die oblique Schräge ist eindeutig noch da, trocken auf's Papier gelegt habe ich immer noch das Gefühl, auf dem rechten Federschenkel zu schreiben.
Schnell betankt mit einer meiner neuesten und noch ungetesteten Tinten, de Atramentis Purpurviolett und mit viel Spannung losgeschrieben.

Tja, und genau deswegen habe ich 12 Tage gebraucht, um diesen Artikel zu schreiben, denn ich habe den Füller inzwischen zwei Mal leergeschrieben und kann immer noch nicht genau beschreiben, was ich hier habe. Es ist eine Italic Feder, soviel ist klar, aber sie ist irgendwie... rund. Die kleinste Drehung des Füllers verändert die "Breitseite" von einem schmalen ~0.7-0.8mm bis hin zu einem dicken ~1.3-1.4mm Strich. Ja, das fühlt sich merkwürdig an und sieht noch viel merkwürdiger aus, da die Feder von oben immer noch eindeutig oblique ist, aber über einen überraschend großen Drehwinkel gibt es keinerlei Aussetzer der (schon sehr nass) schreibenden Feder.

John ist auf die Feder ziemlich stolz und meint, er hätte sie zwar so ähnlich geplant, sei dann aber selbst überrascht gewesen, welche Form sich da unter seinen Fingern herauskristalliert hätte - er hätte einiges neues gelernt und dankt mir für die Herausforderung.

Was ich davon halte? Ich bin begeistert. Es ist keine Alltagsfeder, dafür ist das Schriftbild zu breit, der Tintenfluß zu reichhaltig und die Kontrolle über die Strichbreite (zumindest für mich - noch) zu gering, aber es macht einfach Spaß mir ihr zu schreiben. Man muss etwas neben die Feder schauen, der direkte Anblick der Schräge auf dem Papier irritiert mich immer noch, aber das nehme ich gerne in Kauf.

Was die Kosten anbelangt: Nach Stundenlohn würde die 2000er Feder wahrscheinlich mein bisheriges Füllerbudget sprengen ("you would need a big bank loan"), aber da es seine eigene Entscheidung war, die Herausforderung so wörtlich zu nehmen, zahle ich die Standardrate von 40 GBP pro Feder, abzüglich eines nicht zu kleinen "Enjoymentgutscheins" für den Lamy 2000, weil es ihm so viel Spaß gemacht hat. Wow.

Anbei noch ein paar Bilder, die den Federn in keinster Weise gerecht werden - ich biete aber jedem an, beide persönlich auf einem Stammtisch im süddeutschen Raum kennenzulernen. Immer mit dem Caveat, dass sie speziell für einen von oben schreibenden Linkshänder geschliffen wurden.
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Gruß hessi

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Re: Überraschungsfedern von John Sorowka

Beitrag von Killerturnschuh » 14.06.2015 19:04

Lieber Hessi,

manche Beiträge hier im Forum sind langweilig, uninteressant und zuweilend auch ermüdent - deiner war mir jedoch ein sehr großes Lesevergnügen.
Ich freue mich aus ganzem Herzen darüber das du deine Zwei Lamys auf so wunderbare Weise hast pimpen lassen.
So etwas nenne ich Wertschätzung für ein Schreibgerät und es ist schön deine Begeisterung aus den Zeilen heraus zu lesen, auch wenn du versucht hast sie zwischen den Zeilen zu verstecken.

Glückwunsch, ich freue mich mit dir
Salve

Angi

"Gute Informationen sind schwer zu bekommen. Noch schwerer ist es, mit ihnen etwas anzufangen."
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Re: Überraschungsfedern von John Sorowka

Beitrag von Ex Libris » 14.06.2015 20:35

Hallo Hessi,

das nenne ich ja mal eine gelungene und schöne Überraschung. Wir hatten uns in Nürnberg ja noch darüber unterhalten, was da womöglich (auch und gerade in der Kostenfrage) auf Dich zukommen würde. Dass es derart gelungen ist, freut mich sehr für Dich... Und ich würde mich freuen, wenn es mal auf einem Würzburger Stammtisch klappt, die beiden Federn in Augenschein zu nehmen.

Viele Grüße,
Florian

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Re: Überraschungsfedern von John Sorowka

Beitrag von hessi » 15.06.2015 9:20

Danke Euch, Angi und Florian.

Ja, die Begeisterung habe ich etwas versteckt - noch mehr allerdings die Eigenschaften der Feder, es ist mir beim besten Willen nicht gelungen, ein beispielhaftes Schreibbild der Feder zu machen.

Aber ja, ich werde den 2000 (und auch den Dialog 3) definitiv auf die nächsten Stammtische mitnehmen, an denen ich teilnehme -angefangen mit München 27.06., wie schaut's aus? ;-)
Gruß hessi

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