Alles Plastik ?

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Frodo
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Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 01.07.2009 22:40

Hallo Füllerfreunde
Ich hab mal wieder vor in der "Alten Schreibgeräte" - Abteilung eine kleine Serie zu starten, dieses Mal mit dem Thema "Füllhaltermaterialien". los gehts mit:
Hartgummi:
Charles Goodyear war Besitzer eines Geschäftes für Bedarfsgüter und handelte unter Anderem auch mit Kautschukprodukten. Er experimentierte mit Rohkautschuk und versuchte die noch sehr unbefriedigenden Eigenschaften des Materials zu verbessern. Man erzählt sich, dass ihm im Jahr 1839 versehentlich ein Säckchen mit Schwefelpulver aus einem Regal in den Topf mit heißer Kautschuklösung gefallen sei. Die Mischung erhärtete kurze Zeit später und ein neuer Werkstoff war erfunden. Das Weich- und Hartgummi (1850) war eigentlich ein voller Erfolg, doch war Goodyear mit der Vermarktung etwas glücklos. Die große Reifenfabrik seines Namens wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod gegründet.
Latex ist ein Milchsaft, der von vielen Pflanzen bei Verletzung der Außenhaut abgegeben wird, um die Wunde zu verschließen. Neben Proteinen enthält die Substanz hauptsächlich Isopren, ein in vielen Varianten vorkommender Naturstoff mit der chemischen Formel 2Methyl butadien 1.3. Eine der beiden Doppelbindungen kann in einer 1.2- oder nach einer Umlagerung in einer 1.4- Verknüpfung polymerisiert werden. Die Latex- Milch wird zunächst durch heißes „Räuchern“ koaguliert und dann mit Schwefel versetzt. In einer irreversiblen Reaktion wird die zweite Doppelbindung aufgebrochen und durch Schwefelbrücken dreidimensional quervernetzt, wobei sich die bekannten elastischen Eigenschaften des Gummis ausbilden. Bei Zugabe von etwa 30 - 50 Gewichtsprozent Schwefel härtet die Masse nach dem erkalten vollständig aus. Hart- und Weichgummi sind nach der Reaktion nicht mehr unzersetzt schmelzbar.
Als Füllstoffe werden weißes Zinkoxid, rotes Eisenoxid, am häufigsten aber Ruß verwendet. In Anlehnung an das schwarze Ebenholz wurde dem Hartgummi der Handelsname „Ebonit“ gegeben, auch „Vulkanit“, nach dem Produktionsverfahren, welches als Vulkanisation benannt wurde, war als Handelsname gebräuchlich.
Weichgummi aus Naturkautschuk hat durch seine vielfältigen natürlichen Begleitprodukte gegenüber den Synthesegummis Buna oder Chloropren hervorragende mechanische Eigenschaften, jedoch eine begrenzte Alterungsbeständigkeit. Insbesondere das bei der Ultraviolett- Bestrahlung mit Sonnenlicht entstehende Ozon greift die verbleibenden Doppelbindungen im Molekül an und erzeugt vollständge Bindungsbrüche, die die Struktur des Gummis entscheidend schwächen. Das oberflächliche Verspröden und Verblassen von Hartgummifüllhaltern, die intensivem Sonnenlicht ausgesetzt waren, kann allerdings bisher noch nicht erschöpfend beschrieben werden.
Die überragenden mechanischen Eigenschaften des Hartgummis haben dieses Material in den anfänglichen Jahrzehnten zur ersten Wahl als Schaft und Mechanik der frühen Füllhalterindustrie werden lassen. Darüberhinaus ist Hartgummi auch heute noch das beste Material für Tintenleiter. Das liegt daran, dass es sich hierbei um ein hydrophiles Material handelt, die Oberflächenbenetzung durch polare wässrige Lösungen, wie Tinte, ist unerreicht, der Tintenfluss in den Kapillaren des Tintenleiters ist optimal. Allerdings darf keine Spur von Fett zugegen sein, bereits das herumknubbeln am Tintenleiter mit bloßen Händen kann diesem den Garaus machen.
Schwarzes, rotes und seltener auch marmoriertes Hartgummi wurde in Form von 1 Meter langen Stäben oder Röhren für die Füllhalterproduzenten gefertigt und lässt dich problemlos drehen, feilen, bohren oder fräsen. Beim Zerspanen von Hartgummiteilen wird allerdings der intensiv üble Geruch von Schwefelverbindungen frei. Das fertige Produkt konnte mit feinen Guillochierungen oder Gravuren eine bessere Griffikgeit und einen dezenten Schmuck erhalten. Ungebrauchte Hartgummi- Füllhalter können bei guter Lagerung ihren Oberflächenglanz mühelos über hundert Jahre erhalten. In den Hartgummihaltern, die heute, z. B. von Nakaya angeboten werden, wird die Oberfläche durch mehrere Lagen von Urushi- Lack versiegelt.
Was den Sammler historischer Schreibgeräte interessiert, ist die Aufarbeitung, Reparatur und Konservierung von Füllhaltern. Das Verblassen der Oberfläche nach intensiver Lichteinstrahlung ist leider irreversibel. Die Oberfläche kann mit feiner Schleifpaste abgetragen werden und mit dem Mineralöl oder Wachs aus der Paste (z.B. Wenol) oberflächlich gegen Oxidation verschlossen werden. (Zum Schwefelgeruch des Hartgummis wird dann allerdings häufig noch eine Komponente die nach Heizöl riecht hinzugefügt) Bei guillochierten Haltern, die länger im Gebrauch waren und deshalb stark berieben wurden, kann die Guilloche allerdings danach ganz verschwunden sein. Allerdings konnte ich bisher keine Langzeit- Unbedenklichkeitserklärung über Öle und Fette auf Hartgummioberflächen finden. Über den Sinn oder Unsinn eines Wieder- Einschwärzens (reblackening), welches z.B. von G. Abrate angeboten wird, wurde in den englischsprachigen Foren kontrovers diskutiert.
Zerbrochene Hartgummiteile sträuben sich bisher gegen jeden Klebeversuch. Das ist eigentlich nicht ganz einzusehen, Fahrrad- Schläuche können ja auch druckfest geflickt werden.
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Frodo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 01.07.2009 22:45

Galalith
Dieser Begriff ist eine Kombination aus den griechischen Wörtern Gale = Milch und Lithos = Stein. Dieser halbsynthetische Kunststoff, auch Kunsthorn (artificial Horn) oder Erinoid genannt, wurde erstmals 1897 von Spitteler und Krische hergestellt. Die Entdecker waren wirtschaftlich erheblich erfolgreicher mit ihrem Produkt als Goodyear und die Verwendung erstreckte sich von Kleinartikeln im Haushalt, wie Knöpfe oder Kämme, industrielle Bedarfsartikel, wie Gehäuse oder elektrische Schaltkästen bis zu Möbelverzierungen und Kunstgegenständen und, last not least: Schreibgeräte.
Das entfettete Casein, welches mit Lab oder Säure aus der Milch ausgefällt worden war, wurde mit Formaldehyd- Lösung verrührt und härtete nach mehreren Monaten Lagerzeit in Betonbecken vollständig aus. Formaldehyd greift hierbei die freie Aminogruppe basischer Aminosäuren an und vernetzt in einer Polykondensationsreaktion die vielen Proteinstränge miteinander. Das elfenbeinweiße Produkt lässt sich schmelzen und auf Automaten mechanisch gut bearbeiten und kann mit einer Vielzahl von Farben eingefärbt werden. In einer ganzen Reihe von Artikeln im Netz wird Galalith als nicht schmelzbar beschrieben. Es ist nicht ganz klar woher diese Information stammt, möglicherweise wurde da wieder gegenseitig abgeschrieben.
Häufig wurden die Dornöffnungen in den Kappenköpfen von Hartgummifüllern nach den Abdrehen oben mit geschmolzenen Galalith verschlossen. Die Hersteller von Hartgummihalbzeug konnten Stäbe mit verschiedenen Innenprofilen herstellen und so wurden neben runden weißen Punkten im Kappenkopf auch Firmenembleme wie Vier- oder Sechskante, Sterne oder das bekannte Osmia- Karo gefertigt werden. Nach dem Aushärten der Schmelze im Hohlraum wurde das überstehende Material einfach übergangslos zum Kappenmaterial wegpoliert.
Im Stranggussverfahren ließen sich runde oder kantige Stäbe in einer praktisch unbegrenzten Farbenvielfalt für die Füllhalterindustrie herstellen, dies waren neben den Schwarz- Rot marmorierten Hartgummifüllern die ersten bunten Stifte auf dem Markt. Galalith war wegen seiner schönen Färbungen und wegen des oft perlmuttartigen Glanzes sehr begehrt, war aber dem Hartgummi im praktischen Einsatz deutlich unterlegen. Der große Nachteil von Galalith ist, dass es größere Mengen von Wasser aufnimmt, dabei quillt und weich wird. Deshalb wurden aus dem Material häufig Drehbleistifte hergestellt und in Füllhaltern war der Einsatz auf Teile begrenzt, die nicht mit der Tinte in Berührung kamen.
Galalithwaren wurden insbesondere während Kriegszeiten hergestellt, da die Industrie oft von ihren überseeischen Einfuhren abgeschnitten war. Nach 1945 kam die Produktion durch den Fortschritt in der erdölbasierten Polymerchemie allerdings vollständig zum Erliegen.
Mehrfarbige Schreibgeräte aus Galalith unterscheiden sich in der Farbkomposition deutlich gegenüber den Produkten aus Zelluloid: Im Galalith verschwimmen die Farben schlierig- wolkig ineinander, im Zelluloid liegen kantig- brockige oder geschichtete Farbabgrenzungen vor.
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von G_Paesold » 02.07.2009 9:10

Guten Morgen Frodo

Wow, das ist ja eine geballte Ladung Information! Besten Dank!

Beste Grüsse
Günther

werner
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von werner » 02.07.2009 10:08

Hallo Frodo,

es ist wirklich lobenswert, dass du uns immer wieder mit fundiertem Wissen überrascht und und die sogenannten "Randbereiche" unseres Hobbys beleuchtest. Sei es dein wissenswerter Beitrag über Osmia und Parker

http://www.penexchange.de/forum_neu/vie ... =20&t=2286

als auch dein Posting mit wunderschönen Bildern über Geschäftsbriefe und Rechnungen aus dem goldenen Zeitalter der Schreibgeräte

http://www.penexchange.de/forum_neu/vie ... =18&t=2883


und jetzt wieder deine sachlich fundierten Informationen über Hartgummi und Galalith. Es ist schön über die Materialien aus der "Frühzeit" der Füllerproduktion Hintergrundwissen zu bekommen. Gerade für die jüngere Generation sollte dieses Wissen unbedingt erhalten bleiben und weitergegeben werden.

Vielen Dank und viele Grüße
Werner
Leserlichkeit ist die Höflichkeit der Handschrift. (Friedrich Dürrenmatt)

noGromo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von noGromo » 04.07.2009 13:18

Moin Frodo,

auch von mir besten Dank für diesen informativen und interessanten Faden! Mich interessiert das Thema Materialien wirklich sehr. Da kommt dieser Thread gerade richtig. Ich freue mich schon auf die weiteren Beiträge und bin gespannt, ob du am Ende noch eine Brücke schlägst zu den modernen Füllhaltermaterialien. :wink:

Gruß
Marcus

Frodo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 12.07.2009 19:44

Bakelit
Viele alte Schreibgeräte werden in online Auktionen häufig in vollständiger Unkenntnis des Materials als „Füller aus Baggerlitt“ angeboten, doch hat dieses älteste und wohl bekannteste synthetische Polymer wenig mit einem Bagger zu tun. Der Handelsname stammt von seinem Erfinder, dem Belgier Leo Baekeland, der diesen Kunststoff 1905 aus Phenol und Formaldehyd zusammensetzte. Es handelt sich hierbei um einen „Duroplast“, der während der Reaktion aushärtet und danach nicht mehr schmelzbar ist.
Das Phenol, auch „Karbolsäure“ genannt, fiel früher bei der Steinkohledestillation an, wird aber seit 1944 durch die Hock`sche Phenolsynthese dargestellt. Phenol wurde im Krankenhausbereich und im Haushalt zu Desinfektionszwecken gebraucht. Der äußerst strenge, sehr entfernt an Thymol oder Pfefferminz erinnernde frühere Krankenhausgeruch kennzeichnet auch den Geruch von Produkten aus Bakelit. Phenol wird durch Formaldehyd dreidimensional vernetzt, dabei tritt Wasser aus. Während der Reaktionsphase wird die Mischung in Formbehälter gepresst und härtet dort aus. Bakelit ist eigentlich farblos, wird aber durch geringste Mengen von Eisen, die sich aus den Pressformen im sauren Phenol lösen und mit diesem einen Farbkomplex bilden, meistens rot bis braunrot gefärbt. Für die Herstellung von Gehäusen oder elektrischen Schaltkästen werden oft weitere Füllmaterialien wie Textilfasern oder Papier mit eingepresst und schwarze Farbe zugefügt. Bakelit ist hart und sehr spröde, daher schwer mit der Drehbank zu bearbeiten, kurzum, ein für die breite Verwendung in Füllhaltern wenig verwendetes und geeignetes Material. Bekannt ist nur, dass Teile der ersten Generation des Pelikan 100 aus Bakelit gefertigt wurden. Im Bürobereich wurden Schreibgeräteschalen und –ständer sowie die vielen heute noch auf Flohmärkten zu findenden Farbbanddosen von Pelikan und anderen Herstellern produziert.
Die Herstellung eines Phenolharzes kann einfach und effektvoll in einem Demo- Versuch vorgestellt werden: Statt Phenol nimmt man das erheblich reaktivere Resorcin, ein Phenol mit 2 OH- Gruppen in meta- Stellung, welches sich mit einer Formaldehydlösung schlagartig unter Blasenbildung verfestigt.
Bild:
Pelikan 100, 2 unbekannte Formate, Säntis Heidelberg

Frodo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 12.07.2009 20:04

Celluloid und Celluloseacetat
Celluloid ist sicher der schönste und spektakulärste Kunststoff für die Schreibgerätefabrikation. Der Stoff ist eine Mischung aus Nitrocellulose und Campher und soll erstmals 1856 von Alexander Parkes hergestellt worden sein. Nitrocellulose, Schießbaumwolle oder, chemisch korrekt, Cellulose- Salpetersäure- Ester wird aus Baumwolle oder Holzfasern mit Nitriersäure, einer Mischung aus konzentrierter Salpetersäure und konzentrierter Schwefelsäure, behandelt. Werden alle drei der freien –OH Gruppen in den Cellulose- Untereinheiten nitriert, erhält man Schießbaumwolle mit etwa 13% Stickstoff, die an der Luft heftig- unter Stoß oder Schlag explosionsartig verbrennt. Werden nur zwei der drei –OH Gruppen verestert dann entsteht Kollodiumwolle mit etwa 10% Stickstoff, die in Ether- Alkohol löslich ist. Auch diese Substanz verbrennt heftig, ist aber weniger explosiv.
Campher ist ein Inhaltsstoff des Campherbaumes, der in Südostasien beheimatet ist. Das weiße Pulver wird durch Wasserdampfdestillation aus dem Holz gewonnen. Es ist ein bicyclisches leicht flüchtiges Keton aus der Terpenreihe und riecht streng, etwas an Pfefferminz erinnernd. Campher- Präparate werden gemeinsam mit Lanolin oder Leinöl als Einreibmittel bei Atemwegserkrankungen eingesetzt, viele werden es noch von früher her mit Grausen in der Nase verspüren. Der enorme Bedarf an Campher wurde allerdings alsbald durch synthetisches Produkt substituiert.
Wie kommt man auf die Idee zwei solch exotische Verbindungen miteinander zu vermischen? Den Chemikern sollte die Antwort leichter fallen: Bei der experimentellen Bestimmung der Molmasse eines unbekannten Stoffs mit Hilfe der Gefrierpunktserniedrigung (Kryoskopie), wurde häufig Campher zugemischt, weil diese Substanz die enorm hohe kryoskopische Konstante von 40 K/kg mol hat, was recht genaue Messungen versprach. Allerdings bildete sich bei diesem Versuch mit der ungleichmäßig nitrierten Cellulose kein fester Schmelzpunkt, sondern ein sehr weiter Schmelzbereich. Genau genommen ist die Mischung auch noch bei Raumtemperatur eine extrem zähe Flüssigkeit, bei der nur die eigene Oberflächenspannung ein zerfließen des schönen Schreibgeräts verhindert. Lehnt man allerdings Stäbe oder Röhrenmaterial, welches zur Herstellung von Füllhaltern gebraucht wird, einige Wochen schräg an die Wand, dann hat man nur noch bananenförmiges Drehmaterial, welches sich nur äußerst störrisch zurück in die ursprüngliche Form bewegen will.
Das Celluloid war ein sehr beliebtes Material, die weiße, oft perlmutt- artige schmelzbare Masse lies sich gut verarbeiten, wenn auch beim Drechseln ständig mit Wasser besprüht werden musste, da die anfallenden Drehspäne bei einer Selbstentzündung kaum wieder gelöscht werden konnten. Celluloid wurde z.B. als Ersatz für Elfenbein verwendet. Bekannt sind die Puppenköpfe aus Celluloid, die unter Anderen in der Rheinischen Cellstoff- und Gummiwarenfabrik „Schildkröt“ in Mannheim- Neckarau hergestellt wurden. 1924 brachte die Firma DuPont Röhrenmaterial für die Schreibgerätefabrikation in einer fast unendlichen Farbenvielfalt auf den Markt. Das Material war leicht, aber trotzdem äußerst bruchfest. Man weist dem Celluloid „haptische“ Eigenschaften zu. Tatsächlich verdampfen geringe Mengen von Campher aus der Oberfläche, die auch Hochglanzteilen eine mikroskopische Rauheit verleihen und ein Abglitschen durch an der Hand frei werdende Feuchtigkeit verhindern. Die Füllhalter fanden reißenden Absatz und die konservativ denkenden Firmen, wie Waterman und Kaweco, die Celluloid nur sehr schleppend adoptierten, wurden von Platz eins der nationalen Produzenten katapultiert.
Sehr beliebt war die Färbung „hellperl“, sie wurde von vielen Firmen verwendet. Weißes Celluloid wurde grob zermahlen und mit flüssigem schwarzem Material in den Zwischenräumen verpresst. Aus dem Block wurden dann Vierkantstäbe herausgesägt, die rund gedreht und innen ausgebohrt wurden. Der größte Teil des Materials wurde bei diesem Herstellungsprozess zerspant. Bei einem alternativen Herstellungsverfahren wurden aus dem Rohmaterial dünne Bänder oder Blätter herausgeschnitten, die dann spiralig oder konzentrisch um einen Stahlstab herum verklebt wurden. Dieses Patentverfahren war zwar erheblich materialsparender, doch ergab sich nicht mehr die interessante teilweise transparente Tiefenwirkung des Produkts. Theoretisch war das wiedereinschmelzen von Drehspänen bei einfarbigem Material mit kleinen Einschlüssen, wie z.B. beim Lapislazuli- Imitat denkbar, allerdings enthielten die Abfälle größere Mengen von Wasser, auch Öl und Staub sowie Lufteinschlüsse, die die Qualität des aufgearbeiteten Celluloids erheblich minderten.
Ein Patentmuster ergab sich durch die regelmäßige Schichtung verschiedenfarbiger Celluloid- Platten, meist schwarz und farbig. Wurde der fertig verklebte Block zusätzlich schräg zur Schichtung zersägt und jeweils um 180 Grad verdreht erneut miteinander verklebt, dann ergaben sich interessante Fischgrät- Muster. Die Schichten konnten mit geringen Mengen Aceton verklebt werden, das Lösungsmittel löst dabei die Oberfläche an und erzeugt eine innige, sehr feste Verbindung.
Deshalb können zerbrochene Celluloidteile auch mit Aceton geklebt, die Oberflächen von historischen Reparaturfüllern aber auch durch versehentlich zerlaufenes Lösungsmittel möglicherweise irreparabel ruiniert werden. Auch andere Lösungsmittel, wie z.B. Essigester lösen das Celluloid und Celluloseacetat an. Deshalb sollten niemals Klebstofftuben in Federmäppchen mitgeführt werden.
Celluloid unterliegt wegen der leichten Entzündlichkeit der Gefahrstoffverordnung und wird in Deutschland nicht mehr hergestellt und verarbeitet. Ein Ersatzprodukt, welches ebenfalls auf pflanzlicher Basis hergestellt wird, ist Celluloseacetat. Hierbei werden die drei freien – OH Gruppen der Cellulose- Untereinheiten mit Essigsäureanhydrid verestert. Der thermoplastische Kunststoff ist billig herstellbar und in wenig polaren Lösungsmitteln löslich, neben Füllhalterschäften werden z.B. durchsichtige Griffe von Schraubendrehern daraus hergestellt. Von den Materialeigenschaften her ist Celluloseacetat, verglichen mit Celluloid, vollkommen verschieden. Die Aussage, Celluloseacetat sei praktisch dasselbe wie Celluloid, nur weniger entzündlich, ist natürlich absolut aus der Luft gegriffen.
Bilder:
Fischgrätmuster : 3 mal Hermann Böhler Dossenheim
Hellperl: (von links)
#1 Hans Baum Mannheim. #2PAN Heidelberg und Mannheim. #3 Osmia Dossenheim. #4 und #5 Reform Niederramstadt und Heidelberg. #6Optimus ? #7 MB Hamburg. #8 Adredo Dossenheim. #9 Certo Mutschler Heidelberg. #10 Wafco ? #11 Orgea Heidelberg. #12 Ladies Style ?
Lapislazuliblau: (von oben)
#1 Ein Paar Haarspangen aus der Füllerfabrik. #2 Ein Handwerkszeug (Reibahle oder Zentrierbohrer). #3 Stern Halter Dossenheim. #4 Osmia Dossenheim. #5 ohne Aufdruck aber vermutlich wie 4. #6 Orthos Heidelberg.
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Frodo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 12.07.2009 20:06

letztes Bild (die Bilder sind leider etwas durcheinandergeraten)

Stegcelluloid: (von oben)
#1 Goldring ? #2 PAN. #3 und 4 Irhun Hirschhorn/ Neckar. #5 Conclin

Ganz unten (Eidechsenmuster):#1 unbekannt. #2 Hermann Böhler. #3 Orgea Heidelberg. #4 und 5 Penkala
Gruss, Frodo
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stift
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von stift » 18.07.2009 16:35

hallo
sind das deine füller auf den bildern??
schreiben die auch?
mlg
harald
#Non, je ne regrette rien#

yoda
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von yoda » 19.07.2009 12:58

Hallo Frodo
Was eine Menge Infos. Ich habe das erst einmal auf meinen Rechner gesichert um es dann zu drucken und mir in Ruhe zu gemüte führen zu können. Am Bildschirm habe ich einfach ein Problem mit so langen Texten.

Auf alle Fälle schon mal Danke für die Arbeit, die Du Dir gemacht hast.

Gruß
Hugo

Frodo
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 20.07.2009 22:29

stift hat geschrieben:hallo
sind das deine füller auf den bildern??
schreiben die auch?
mlg
harald
Hallo Harald
Klar sind das meine Füller, ich würde schwerlich was fremdes fotografieren oder kopieren und dann unter meinem Namen veröffentlichen.
Die wenigsten meiner Füller schreiben aber diejenigen, die schreiben, die reichen mir.
Gruss, Frodo

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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 20.07.2009 22:33

Edelharz
Nahezu lautlos schnüren die drei Inka- Krieger die alten Wildpfade entlang. Der Amazonas hat den Waldboden aufgeweicht, doch mit Kalk und Kokablättchen im Mund verspüren die drei wenig von den Strapazen des schweren Geläufs. Im Blätterdach wiegt sich lauernd die grüne Mamba und von fern hört man den Schrei des Jaguars. Immer wieder verharren die Krieger und schauen mit geschärftem Blick um sich. Plötzlich weitet sich das Dickicht und am Rand einer schroffen Felsklippe erspähen sie, wonach sie tagelang gesucht hatten: Ein Baumriese, der wohl schon seit Äonen dort steht, reckt sich über das Blätterdach des Urwaldes und scheint mit seinen höchsten Ästen den Himmel zu berühren. Nahezu ehrfürchtig nähern sich die drei dem Baumriesen und danken Patcha Mama und Intis für diese glückliche Wendung.
Nachdem der Anführer der Gruppe mehrfach sanft die Rinde berührt hat, schneidet er beherzt mit der scharfen Obsidian- Klinge eine Kerbe aus der alsbald eine goldgelbe weiche Masse quillt. Edelharz! Schnell fängt der zweite Krieger die wertvolle Fracht in einem irdenen Töpflein auf und der dritte sammelt Weißmoos um die Wunde des Baumes alsbald wieder zu verschließen.
Nach einigen Tagen der Rückreise treffen viele der Edelharz- Sammler in Pernambuco ein, wo der wohlgekleidete Senhor Alemaho aus dem fernen Amburgo die vielen Töpfchen wohlwollend entgegennimmt und reichlich mit Pesos und Glasperlen bezahlt.
Nach einer weiten Schiffsreise werden im Werk von den vielen Qualitäten nur die besten aussortiert und treffliche Ingenieure reinigen, verbessern und härten das edle Material. Zupackende Arbeiter schnitzen Füllhalterschäfte aus dem rohen Block heraus und die zarten Hände der Poliermädchen bringen sie mit Diamantstaub auf Hochglanz.
Glücklich kannst Du Dich preisen, wenn für Dich an einem der ersten kühlen Herbsttage im weichen Ledersessel vor dem flackernden Kamin ein weißer Stern aufgeht. Deine Hand führt die goldene Feder über das makellos weiße Blatt und hinterlässt: Gedanken für die Ewigkeit.
Ja, Du verdienst diesen Füllhalter, dieses Meisterwerk aus Natur und Handarbeit.
Edelharz, ein wertvolles Geschenk des Urwaldes.
Edelharz, ein Stück der Sonne des Südens.

yoda
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von yoda » 24.07.2009 8:26

Hallo Frodo
Für mich hört sich Deine Beschreibung von Edelharz an wie Ebonit. Oder was für ein Stoff ist das der da gesammelt wird ?
Ich dachte immer das "Edelharz" der Sternmarke sei nur ein Euphemismus für normales Poly-Dingens-Kirchens also einem Petrochemischen Kunststoff, wenn auch mit einigen besonderen Eigenschaften. Aber die Welt der modernen Kunststoffe ist ja weit.
Liege ich da so völlig falsch ? Oder redest Du von dem Sternfüller von vor einer gewissen Zeitenwende als die Schäfte noch gefräßt und nicht "spritzgegossen" wurden ?

Das soll keine Kritik sein, ich will es nur einordnen können.

Gruß
Hugo

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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von Frodo » 26.07.2009 12:31

Bingo! Glückwunsch, Hugo. Richtig gelesen!
Ich hatte schon befürchtet, dass sich niemand für den Text interessiert oder sich niemand traut, dagegen Einspruch zu erheben.
Die Geschichte über die Edelharz- Sammler ist nämlich völliger Quatsch und frei erfunden. Der Text lehnt sich eher an die häufig manirierte Sprache der Werbung an, die auch das profanste Material noch als überschwänglichstes Wunderwerk darstellen kann.
Auch der Begriff "Edelharz" ist ein Kunstwort, welches keine weitere Bedeutung hat.
Tatsächlich wurden Harze auch schon in historischer Zeit als Klebstoff verwendet, wie Kirschgummi oder Gummi- Arabicum oder als Lacke oder Firnisse für Ölgemälde oder Möbelpolituren verwendet. Das Destillat von Kiefernharz ist Terpentinöl, welches mit dem Terpentin- Ersatz keine Gemeinsamkeit hat, der Rückstand der Destillation ist Kolophonium, welches im Elektronik- Bereich als Isoliermaterial oder als Fließmittel beim Weichlöten verwendet wurde. Der bernsteinfarbene Festkörper wird auch als Kontaktmittel für Geigenbögen verwendet.
Die einzig nennenswerte Bedeutung als Formprodukt hat Schelllack gewonnen, ein Ausscheidungsprodukt einer Schildlaus. Dieses Harz ist gut zu verarbeiten, es ist allerdings recht spröde.
In Anlehnung an den historischen Begriff dieser natürlichen Harze wurden nach der Entwicklung synthetischer Polymere diese als "Kunstharze" bezeichnet. Eine Abwandlung des Namens hat sich im Begriff "Gießharz" noch erhalten. Viele der neuen Polymere wurden in der ersten Hälfte der Jahrhunderts auch zu Fasern versponnen, deshalb wurde der Begriff allgemein zu "Kunststoffe" hin verbreitert. In der ehemaligen DDR wurden die zutreffenderen Worte Plaste und Elaste gewählt, was auch deren Formbarkeit beschreibt.
Bei den sogennanten Edelharzen handelt es sich um Polymethacrylsäureester, Plexiglas oder Polycarbonat, Makrolon. Auch ein Butterdosendeckel oder eine Klobürste kann somit als edel bezeichnet werden. Wie Stefan Wallrafen einmal salomonisch oder in rheinischer Frohnatur ausführte, können in weiterer Auslegung auch solcherlei industrielle Syntheseprodukte als Naturharze angesehen werden wenn das Erdöl als Ausgangsstoff ebenfalls als Natorprodukt bezeichnet wurde......
Welche Crack- Produkte, Blausäure, Phosgen und wer- weis- was- noch für Chemiekram dabei verkleistert werden musste, das will doch eh keiner wissen,
Oder?
Das einzig echte an meinem Bericht über Edelharze ist übrigens das Foto. Zu sehen sind allerdings nur edle Harze, links Olibanum und rechts Myrrhe.
Füller kann man daraus sicher nicht machen.
Groß Frodo
(Die Serie über Füllermaterialien endet hier)

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stift
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Re: Alles Plastik ?

Beitrag von stift » 26.07.2009 14:41

HERZLICHEN DANK!!! :D
mlg aus wien harald
#Non, je ne regrette rien#

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