Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

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HeKe2
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Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von HeKe2 » 10.09.2019 0:40

Hallo liebes Forum!

An anderer Stelle hatte Thomas aka Thom darum gerungen, dass ich mal in den chemischen Waffenschrank greife und das ganz große Geschütz heraushole, um damit auf arme, wehrlose Tinten loszugegen. Nein, ganz so schlimm wird es nicht und ganz so wehrlos sind die Tinten auch nicht, auch wenn einige bei diesem Angriff doch kapitulieren mussten. Klar ist aber auch, dass das Papier bei einer derartigen Behandlung Schaden nimmt, auch wenn der nicht sofort sichtbar ist. Spätestens in ein bis zwei Wochen, werden sich Auflösungserscheinungen zeigen. In den Versuch einbezogen wurden von oben nach unten:
  1. Noodlers Fox Red (bulletproof, fluoreszierend, Nano-Tinte)
  2. Rohrer&Klingner Scabiosa (EG-Tinte mit vermutlich eher geringem EG-Gehalt)
  3. Graf von Faber-Castell Kobaltblau (Tintentyp unklar aber als "Dokumentenecht" beworben)
  4. Sailor Sou Boku (Nano-Tinte)
  5. LAMY T53 Crystal Ink Benitoite (EG-Tinte, als "Dokumentenecht" beworben)
  6. Diamine Registrars Ink (EG-Tinte mit eher höherem EG-Gehalt)
  7. Sailor Sei Boku (Nano-Tinte)
  8. Noodlers 54th Massachusetts (bulletproof, Nano-Tinte)
  9. Noodlers Baystate Blue (Gerne als hartnäckige Tinte beschrieben aber mit Schwäche gegen Bleichmittel)
  10. Pelikan 4001 Blau-Schwarz (EG-Tinte)
  11. Akkerman #5 Shocking Blue (Vergleichstinte, hochgesättigtes Blau)
  12. Pelikan Skriptol (Zeichentusche, Schreibtusche, nicht füllertauglich)


Das Ergebnis des Versuches kann man auf dem folgenden Bild erkennen, wobei ich die Spur der Verwüstung nicht extra kenntlich machen muss, man sieht sie auch so. für den Versuch wurden die Tinten mit einem zusammengedrehten Papiertuch satt auf das Papier (Oxford Optik Papier 90g/qm) aufgetragen und nach dem Trocknen mit einem Q-Tip senkrecht von oben nach unten 12,5%ige Natriumhypochloridlösung ebenfalls ausreichend aufgetragen. Wer sich unter der Lösung nichts vorstellen kann: Das entspricht einem recht konzentrierten Chlor-Toilettenreiniger.
Bleichtest.jpg
Bleichtest.jpg (730.97 KiB) 1002 mal betrachtet
Wie man erkennen kann, schlagen sich die Nano-Tinten allesamt hervorragend, die EG-Tinten versagen alle. Allerdings sieht es so aus, als könne man den Eisengehalt an der Braunfärbung nach dem Oxidieren der Farbe abschätzen. Unschlagbar ist das Skriptol, Ruß läßt sich eben nicht so leicht entfärben. Erstaunlich gut hält sich die Kobaltblau von Faber-Castell. Das hätte ich nicht erwartet. Offensichtlich lößt man das Problem der Dokumentenechtheit bei denen so, dass es die Mischung macht. Kein Bestandteil hält allem stand, aber jeder bestimmten Angriffen, sodass am Ende immer noch der ein oder andere Tintenbestandteil auf dem Papier verbleibt.

Als Vergleichstinten liefen die Akkermann #5 Shocking Blue und Noodlers Baystate Blue mit. Durch die hohe Sättigung setzt sich die Akkerman-Tinte noch recht erfolgreich zur Wehr. Dennoch: noch mehr Bleichlösung und auch die Tinte ist weg. Erstaunlich ist, dass Baystate Blue sich so gut hält, schließlich wurde die Schwäche gegen Bleichmittel mit Absicht in die Tinte eingebaut, weil man Angst hatte, die Füller nicht wieder sauber zu bekommen, da die Tinte so intensiv färbt.

So, ich hoffe, das war hilfreich. Viel Spaß beim Lesen und noch ein Hinweis:
Die Nachahmung sollten nur Personen versuchen, die sich mit derartigen Chemikalien auskennen. Ich übernehme keine Haftung für Schäden, die Unkundige durch unsachgemäße Handhabung angerichtet oder erlitten haben.
Beste Grüße
Hermann

Thom
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von Thom » 10.09.2019 3:58

Hermann, ich weiß nicht, wie ich Dir danken soll! Du wärest jetzt meine offizielle "Number One", das ist aber schon Julie.Bild

V.G.
Thomas

Füchschen
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von Füchschen » 10.09.2019 7:27

Dankeschön! Das ist sehr aufschlussreich
Tintige Grüße Vanessa

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HeKe2
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von HeKe2 » 10.09.2019 7:43

Thom hat geschrieben:
10.09.2019 3:58
Hermann, ich weiß nicht, wie ich Dir danken soll! Du wärest jetzt meine offizielle "Number One", das ist aber schon Julie.Bild

V.G.
Thomas
🤣😂
Du und dein Ranking. Ich hätte ja Christina da oben vermutet. Gut, dass ich selbst Spass an solchen Kapriolen habe. Aber jetzt habe ich erst mal zwei Wochen keine Zeit mehr für derartige Experimente. Deshalb jetzt auch so schnell. 😂
Beste Grüße
Hermann

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JulieParadise
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von JulieParadise » 10.09.2019 9:13

Och, was ist denn hier schon wieder los! Kanonen auf Spatzen und Leute in Listen ... tsss! ;)

Der Test ist jedenfalls sehr interessant und wird wohl oft als Referenz dienen. Vielen Dank, Hermann!
Sina a.k.a. Julie Paradise, bei Instagram @wwwjulieparadisede

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HeKe2
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von HeKe2 » 10.09.2019 10:00

Alles nur Scheingefechte! 😉
Beste Grüße
Hermann

Thom
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von Thom » 10.09.2019 10:23

Julie hat mich schon längst durchschaut. Das ändert aber nix.
JulieParadise hat geschrieben:
10.09.2019 9:13
Der Test ist jedenfalls sehr interessant und wird wohl oft als Referenz dienen. Vielen Dank, Hermann!
V.G.
Thomas

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NicolausPiscator
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von NicolausPiscator » 10.09.2019 10:36

Spannendes Ergebnis, das sehe ich auch so, wenngleich für mich die Dokumentechtheit keine Rolle bei meiner Tintenauswahl spielt. Dennoch, da Du sowohl dem praktisch orientierten Füllernutzer Hinweise gibst, wie er die Tinte entfernen kann, die an Orte gelangt ist, wo sie nicht hin soll, als auch dem Tintentheoretiker Tinteneigenschaften erschließt. Danke!

V-Li
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von V-Li » 10.09.2019 11:00

NicolausPiscator hat geschrieben:
10.09.2019 10:36
Spannendes Ergebnis, das sehe ich auch so, wenngleich für mich die Dokumentechtheit keine Rolle bei meiner Tintenauswahl spielt.
Nathan Tardiff von Noodler betont immer, dass bulletproof vor allem für das Ausfüllen von Schecks gedacht ist. Diese haben in den USA noch eine gewisse Bedeutung und man möchte ja nicht, dass nachträglich der Betrag ein bisschen angepasst wird.

Persönlich habe ich immer einen Füller mit dokumentus gefüllt dabei und leiste alle Unterschriften oder das Ausfüllen von Formularen, Ergänzen von Verträgen etc. mit meinem eigenen Stift.

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Tenryu
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von Tenryu » 10.09.2019 11:07

Danke für den höchst aufschlußreichen Test.
Ich mochte die beiden Sailor-Tinten (vor allem die blaue Sei-Boku) schon vorher sehr gerne, aber jetzt gefallen sie mir noch ein bißchen besser. :)

Die Scriptol scheint man auch mit nichts mehr wegzubekommen. Schade, daß die Fount India oder eine andere Ruß-basierte Füllertinte nicht dabei war. Ich vermute, die dürften durch Bleiche auch nicht zu entfernen sein.

Ist es bei den "dokumentechten" Noodler's-Tinten nicht auch so, daß die Zusammensetzung bei jeder Charge etwas anders ist, damit man nicht mit der gleichen Tinte Dokumente nachbearbeiten kann?

V-Li
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von V-Li » 10.09.2019 12:30

Tenryu hat geschrieben:
10.09.2019 11:07
Ist es bei den "dokumentechten" Noodler's-Tinten nicht auch so, daß die Zusammensetzung bei jeder Charge etwas anders ist, damit man nicht mit der gleichen Tinte Dokumente nachbearbeiten kann?
Von http://noodlersink.com/the-noodlers-advantage/:
The first “variable combination” formulas were manufactured with variables being different on a PER BOTTLE basis…meaning EVERY bottle has slightly different ink component proportions. This is done by hand (one of the major reasons for Noodler’s constantly being in short supply). This production method security feature enables most of our inks to be unique in a forensics lab on a per bottle basis.

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HeKe2
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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von HeKe2 » 10.09.2019 14:03

Ja, die Noodlers Tinten. Sie sind schon sehr speziell. Machmal habe ich den Eindruck, dass sie wirklich nur zum Schecks oder Dokumente unterschreiben taugen. Für längere Briefe finde ich sie eher ungeeignet.

Was die leichte Unterschiedlichkeit angeht, steht die natürlich einer Zertifizierung im Wege. Für mich klingt das Ganze auch ein wenig so, als ob mit der Begründung im wahrsten Sinne das Wortes aus der Not eine Tugend gemacht werden soll.

Die Fount India passt irgendwie gar nicht in mein Beuteschema. Daher habe ich die nicht. Wenn ich noch weitere Tinten in der Art überprüfen wollte, würden mich neben der Dokumentus noch die anderen als dokumentenecht beworbenen Tinten von GvFC interessieren.
Beste Grüße
Hermann

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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von NicolausPiscator » 10.09.2019 14:07

Die Noodler's Tinten sind schon ingesamt eher auf der renitenten Seite. Das verhältnismäßig gute Abschneiden der Sailor Nano-Tinten freut mich, die schwarze Nano-Tinte mit ihrem silbernen sheen ist mein Standardschwarz... den letzten Scheck habe ich vor ich-weiß-nicht-wie-langer Zeit unterschrieben, noch vor Veränderungen meiner Unterschrift auf Schecks habe ich aber mehr Bedenken bei den verschiedenen Kreditkartenmanipulationen. Aber das ist off topic.

Eine Frage an Hermann: Man sieht ja, wie das Papier in etwa an den behandelten Stellen aussieht, aber wie fühlt es sich an? Das Einwirken auf die Tinte geht ja zumeist auch am Papier nicht spurlos vorbei, auch der der Sonnenexposition nicht.

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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von HeKe2 » 10.09.2019 14:22

NicolausPiscator hat geschrieben:
10.09.2019 14:07
Eine Frage an Hermann: Man sieht ja, wie das Papier in etwa an den behandelten Stellen aussieht, aber wie fühlt es sich an? Das Einwirken auf die Tinte geht ja zumeist auch am Papier nicht spurlos vorbei, auch der der Sonnenexposition nicht.
Die Frage nach dem Einfluss der Behandlung auf das Pipier ist nur allzu berechtigt. Ich habe heute morgen den Bogen noch einmal vorgekramt und genau danach geforscht. Das Interessante ist, dass man gar keine große Veränderung fühlt. Ich bin mir allerdings sicher, dass das eine vorübergehende Erscheinung ist. Ich kenne das noch von meinem Analysenheft aus der Uni. Es dauert eine Zeit, bis die Kleckereien Wirkung zeigen.
Beste Grüße
Hermann

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Re: Bleichtest: 10 "Dokumentenechte" oder die man dafür hält

Beitrag von NicolausPiscator » 10.09.2019 14:48

Danke Dir, das ist spannend. Mit dem Oxford-Papier hast Du aber auch einen echten Papiergladiator gewählt, das macht so einiges mit und zeigt sich dann immer wieder frisch, das zeigt sich auch in Deiner Probe deutlich. Papieralterung und die Faktoren, die Papier verändern, sind überhaupt etwas spannendes, Papierherstellung auch schon.

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