Waterman Concorde

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pradella2
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Waterman Concorde

Beitrag von pradella2 »

Ein Traum in braunem Feincord


Der Goldpreis Anfang der 1970er Jahre bewegte sich von heute gesehen auf Schnäppchenniveau. Nur so und in der Kombination mit den in Frankreich herrschenden Vorschriften, dass ein Artikel nur dann als Gold bezeichnet werden darf, wenn er mindestens achtzehnkarätig ist, ist es zu erklären, dass Waterman Anfang der Siebzigerjahre die Concorde in einer wirklich unverschämten Kombination von billigstem Plastik und einer riesigen 18 kt Goldfeder auf den Markt warf. Ein derartiges Missverhältnis zwischen Korpus und Feder gibt es wahrscheinlich kein zweites Mal. Schaft und Kappe bestehen aus braunem Kunststoff, dem schon die Spritzgußform die Strichmattierung mit auf den Weg gab. Diese sieht entsprechend speckig und grobschlächtig aus. Ein immerhin aus Metall gefertigter Kappenring verleiht der Kappe die allernötigste Stabilität. Der Clip federt ausschließlich in sich selbst.
Im Kontrast zu der fürchterlichen Materialisierung und Oberfläche steht das geometrisch ambitionierte Design. Der Grundzylinder wechselt in eine unregelmäßige, leidlich ergonomische Achteckform. Das Schaftende wird gekrönt (?) von einem oktogonalen, schwarzen Jewel. Der Kappenabschluss hingegen ist, Waterman – typisch, angeschrägt und gleichzeitig auf beiden Seiten abgeflacht, das Clipende intarsienartig integriert. Die Feder ist endlos groß, beidseitig um circa 45° abgewalmt und endet in einem leichten, von Sheaffer – Federn her bekannten Aufschwung. Wer möchte, kann hier tatsächlich formale Ähnlichkeiten zum gleichnamigen Überschallflugzeug finden.

Die hier verbaute OBB- Feder ist ein Hauptvergnügen für alle, die es breit und saftig lieben. Sie macht wirklich Spaß. Besonders bizarr wird es, wenn man sie ins Verhältnis zum Gesamtgewicht des Füllhalters setzt. Zum Vergleich:

Montblanc 246: Füllergewicht leer 17,33 g, Federgewicht 0,24 g. Die Feder entspricht hier 1,38 % des Gesamtgewichtes.

Waterman Concorde: Füllergewicht leer 8,03 g, Federgewicht 0,48 g. Die Feder entspricht also 5,97 % des Gesamtgewichtes.

Wer bietet mehr?
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Reorx
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Re: Waterman Concorde

Beitrag von Reorx »

Hallo,

persönlich finde ich die Formensprache des Concorde schon faszinierend, habe einige davon in meiner Sammlung :). Für mich werfen sie schon einen langen Schatten auf die, aus Concorde Sicht, in weiter Zukunft liegenden Carene :).

Es stmmt schon, dass das Material aus heutiger Sicht alles andere als hochwertig wirkt, aber damals war Plastik en Vogue, ich denke nur an die Küchenstühle meiner Eltern aus den 70ern. Heute könnte man die gut bei Bares für Rares verkaufen ;).

Viele Grüße
Harald
Bücher kommen an Stellen, an die Filme nie hinkommen...
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pradella2
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Re: Waterman Concorde

Beitrag von pradella2 »

Himmel! Küchenstühle der Siebziger. Wo sind sie, die orangen Füllfederhalter, die HEWI-Türklinken unter den Schreibgeräten?
Das mit dem auf den Carene geworfenen Schatten trifft es auf den Punkt. Der entscheidende Unterschied dabei dürfte sein, dass die Concorde, die 1970 als Vorbild für die Gestaltung diente, noch Inbegriff eines ungebrochene Zukunftsglaubens war. Die Riva – Motorboote, auf die der Carene anspielt, sind ja an sich schon Ausdruck formaler Regression und Rückwärtsgewandtheit.
Großartig wäre es, wenn Du auch einige Fotos von Concordes in anderen Materialien beisteuern könntest, so vorhanden. Die würde ich doch gerne mal sehen!

Viele Grüße -
Philipp
Bennat
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Re: Waterman Concorde

Beitrag von Bennat »

Zu Waterman und Kunststoff kann ich (leider) beisteuern, dass zwei eigentlich schöne Wassermänner aus den Siebzigern bei mir an einer Art "Osteporose" am unteren Teil (Griffstück um den Tintenleiter) dahingesiecht sind. Einer war ein "Genleman 44" (mit 18K-Feder), die Bezeichnung des anderen weiß ich nicht mehr. Man konnte mit der Lupe sehen, dass sich gleich an mehreren Stellen Risse gebildet haben, eventuell als Folge einer Versprödung?

Bernd
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pradella2
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Re: Waterman Concorde

Beitrag von pradella2 »

Genau dieses Symptom zeigte auch der oben gezeigte Füller: Mehrere Längsrisse im Griffstück. Ich habe ihn deshalb zerlegt viewtopic.php?t=42814
und das Griffstück geklebt und wieder poliert. Die Risse sahen so aus, als wäre der Tintenleiter aufgequollen und hätte das Griffstück von innen gesprengt.
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