Auslöser war ein Schreibset „Lalex de luxe“, das schon einige Male in meiner Ebay-Suche aufgetaucht war und unverkauft blieb, bis mich die Neugier übermannte. Am ersten Urlaubstag wurde ich um sieben Uhr bereits aus dem Schlaf gerissen, die Auktion endete um 07:02 und da ich nun schon einmal wach war, gab ich kurzerhand ein Gebot ab und bekam den Zuschlag (ein lieber Dank geht an meine Haustiere, die auch im Urlaub pünktlich ihr Frühstück einfordern).
Kurz darauf traf eine ansehnliche Box ein, mit Messingband umlaufen und in gepolstertes dunkelblaues Kunstleder gehüllt.

Das Öffnen der Box offenbarte ein prunkvolles Set aus Füllfederhalter und Kugelschreiber, beide mit einer guillochierten 750er Walzgoldauflage (lam.oro).

Der Kolbenfüller mit der halbverdeckten Feder wässerte einige Tage, wurde dann erwärmt und das Griffstück ließ sich daraufhin leicht abschrauben. Bei der Guillochierung war man sich offenbar nicht einig, ob es eine Wellen- oder Linienguilloche sein sollte, weswegen man dem Walzgold einfach beides verpasste und die Linienguilloche darüber hinaus auch noch durch glatte Parallelogramme aufbrach. Um das Grauen noch zu steigern, hat man unterhalb der Walzgoldauflage und oberhalb des Tintenfensters noch ein Stück schwarzen Kunststoffs angebracht, auf den die Kappe greift und der auch noch mit einem groben vertikalen Linienmuster verunstaltet wurde. Ich fühlte mich gleich an die lovecraft‘sche „blasphemische Geometrie“ erinnert, unter der ich mir bis zu dieser Minute gar nichts hatte vorstellen können. Erst als der Lalex mit seinem wirren Oberflächenfinish so vor mir lag, konnte ich nachvollziehen, warum die armen Figuren des Lovecraft-Universums andauernd wegen dieser Geometrie den Verstand verloren.

Unter dem Griffstück kam ein einfaches Kunststoffrohr zum Vorschein, in dem Tintenleiter und Feder saßen, die sich einfach herausziehen ließen. Die kleine Feder aus 585 Gold ähnelt der des Parker „51“, der ja der optische Urahn einer ganzen Generation von Füllern ist. Möglicherweise stammt sie aus dem deutschsprachigen Raum oder der Füller wurde für den Export dorthin produziert, worauf der etwas seltsame Begriff „Überal Feder“ hinweist.

Hier noch einmal der wieder montierte und betankte Füller. Eigentlich hatte ich noch das hellblaue Tintenfenster zeigen wollen, das sich in vier Quadraten um den Schaft zieht. Aber da war die Lie de thé schon drin.

Die Recherche nach der Firmenhistorie von Lalex gestaltete sich schwierig. Gegründet wurde die Firma 1938 bei Neapel vom Schreibwarenhändler Leopoldo Tullio Aquila, die Firmierung leitet sich aus den Initialien „L“ und „A“ + lex/Gesetz ab, so Google. In dieser Zeit scheint Lalex ein reines Vertriebsunternehmen gewesen zu sein, Lalex-Schreibgeräte sind zu dem Zeitpunkt nicht dokumentiert. 1940 ist Aquila Vertreter für Aurora in Süditalien.
In der Folgezeit begründet Aquila mehrere Handelsmarken und lässt Schreibgeräte bei großen Herstellern produzieren, überwiegend bei Montegrappa. Die bekanntesten Schreibgeräte sind der Aquila Extra und der Aquila Superpenna; Nebenmarken sind Hector und Gienne. Lalex tritt nach wie vor nicht mit eigenen Produkten in Erscheinung.
1981 kauft Leopoldos Sohn Gianfranco Montegrappa, 2000 wird das Unternehmen von Richemont übernommen. Gianfranco und sein Sohn Guiseppe verbleiben im Management. Um 2004 gründen sie die Aquila Group und kaufen Montegrappa 2009 zurück.
Anfang der 2000er tritt aber auch Lalex mit diversen Füllermodellen auf (Animali, Millenium, Forme, Simbolo). Die Stifte werden als hochwertig vor allem hinsichtlich der verwendeten Materialien bewertet. Endlich bekommt auch das im Namen enthaltene Gesetz seinen Auftritt: Als Logo wird die Waage gewählt.
Im Vintage-Bereich findet man Füller mit dem Markennamen etwa in den 60er/70er Jahren, in der Regel mit verdeckter Goldfeder und Walzgoldauflage. Der Zeitraum kann nur anhand des Designs geschätzt werden, Dokumente finden sich nicht (zumindest konnte ich keine finden).
Zum Schluss noch ein Bild mit „Verwandtschaft“ der optischen Art: Parker „51“, Lalex, Aurora 88, Pelikan P1

Nach all den Stunden im Rabbithole weiß ich also wenig Gesichertes über Lalex zu berichten. Die Recherche blieb im Konjunktiv. Die wahrscheinlichste Timeline ist die Gründung als Vertriebsgesellschaft 1938; Produktion einzelner Modelle durch Montegrappa in den 60ern; Nebenprodukt von Montegrappa um 2000; sang- und klangloses Verschwinden seither.
Doch die Aquila Group existiert nach wie vor. Wer weiß, ob uns die Zukunft noch einen Lalex beschert (vielleicht das Modell Necronomicon für Lovecraft-Fans)?
